Immer schonendere OP-Verfahren

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Dr. Ardawan Julian Rastan

Die moderne Herz- und Gefäßchirurgie arbeitet mit immer schonenderen OP-Verfahren. Führend dabei íst das Herz- und Kreislaufzentrum Rotenburg (HKZ). Wir sprachen mit dem neuen Chefarzt Dr. Ardawan Julian Rastan.

Dr. Rastan, Sie haben im Januar die Nachfolge von Herrn Privatdozent Dr. Hartmut Oster als Chefarzt der Herz- und Gefäßchirurgie angetreten. Sie treten damit in die Fußstapfen eines international renommierten Mediziners, der das HKZ entscheidend geprägt hat. Was bedeutet das für Sie?

Ohne Zweifel beeinflusste Herr Dr. Oster in den 22 Jahren seiner Dienstzeit das HKZ maßgeblich und hat dabei die Höhen und Tiefen des Zentrums hautnah miterlebt. In einer Vielzahl von für mich sehr wertvollen persönlichen Gesprächen konnte ich mich hierzu mit ihm austauschen und bin ihm dankbar für seine Unterstützung während der Übergabephase. Mir ist es sehr wichtig, die von ihm in den vergangenen gut zwei Jahrzehnten etablierten internen Qualitätsstandards weiterzuführen und fühle mich hierzu auch ein wenig verpflichtet.

Was hebt das HKZ in Rotenburg von anderen Herzzentren in Deutschland ab?

Das HKZ konnte sich in den vergangenen 15 Jahren einen national herausragenden Ruf insbesondere bezüglich der ausschließlichen Verwendung der beiden Brustwandarterien für die koronare Bypassoperation erwerben. Hierzu müssen Sie wissen, dass diese Brustwandarterien gegenüber allen anderen körpereigenen Gefäßen eine unerreicht gute Haltbarkeit besitzen und so erneute Kathetermassnahmen und Reoperationen nur noch selten erforderlich sind. Dies bedeutete für Patienten ein Maximum an Lebensqualität und Unabhängigkeit. Besondere gewebeschonende Operationsverfahren reduzieren dabei das chirurgische Trauma. Dies setzte international Maßstäbe.

Im HKZ werden routinemäßig bei Bypass-Operationen diese beiden Brustwandarterien verwendet. Was zeichnet dieses hochmoderne Verfahren aus und welche Vorteile bringt es Patienten?

Heute gelten die Brustwandarterien als das Maß aller Dinge bezüglich der Qualität der chirurgischen Bypassversorgung und wir können davon ausgehen, dass sich dies in den kommenden Jahren weiter bestätigen wird. Um so erstaunlicher ist es, dass bundesweit deutlich weniger als 15% in dieser Form operiert werden. Mit der Verwendung beider Brustwandarterien ist es möglich, mit entsprechder Erfahrung alle drei Gefäßsysteme des Herzens operativ zu versorgen und im Grunde beliebig viele Bypasses anzulegen. So werden am HKZ routinemäßig 3-5 erkrankte Koronargefäße ausnahmslos mit den Brustwandarterien überbrückt. Neben der unerreichten Haltbarkeit dieser Bypassgefäße hat das für die Patienten natürlich auch den Vorteil, dass auf weitere chirurgische Inzisionen am Bein oder Arm verzichtet werden kann.

Seit dem Jahr 2010 gibt es am HKZ einen Hyprid-OP. Welche Operationen werden dort durchgeführt? Welche Chancen sehen Sie darin?

Wie ich schon an anderer Stelle ausführte, ist eine moderne Herzchirurgie heute ohne einen Hybrid-Operationssaal im Prinzip kaum mehr denkbar. Moderne minimal-invasive Operationsverfahren erfordern zur Kompensation der offenen Sicht auf das Herz den Einsatz indirekter, d.h. bildgebender Verfahren. Neben der Echokardiographie gehören patienten-schonende Durchleuchtungsverfahren hierbei fundamental dazu. Beide bildgebenden Verfahren sind in einem Hybrid-Operationssaal vorhanden und werden meistens auch simultan eingesetzt. Dies erfordert natürlich ein enges Zusammenspiel der therapierenden Ärzte. Die Operationen, die heute routinemäßig in einem Hybrid-Op vorgenommen werden sind neue Verfahren zur katheter-basierten Aortenklappenimplantation, spezielle Mitralklappeninterventionen und komplexe Schrittmachereingriffe. Grundsätzlich sind aber auch minimal-invasive Mitralklappenoperationen gut in einem Hybrid-Saal anzusiedeln. Zudem finden in einem Hybrid-Saal heute auch eine Vielzahl gefäßchirurgischer Eingriffe, insbesondere Eingriffe an der großen Körperschlagader statt. Zukünftig werden wohl so auch vermehrt Simultaneingriffe möglich, die beides, chirurgische und interventionelle Therapieverfahren, miteinander verbinden.

Sie gelten als Spezialist für die sogenannten minimalinvasiven Katheterverfahren. Dazu zählen auch der transapikale und transfemorale Aortenklappenersatz. Sind diese Verfahren schonender als klassische OP-Verfahren?

Grundsätzlich gelten die neuen Verfahren zum Aortenklappenersatz zurecht als minimal-invasive und zukunftsweisende Technologien. Man muss hierzu aber wissen, dass der konventionelle chirurgische Aortenklappenersatz heute für den Durchschnittspatient kaum noch mit einem operativen Risiko verbunden ist und auch über einen kleinen, kosmetisch günstigen Hautschnitt vorgenommen werden kann. Entsprechend können die neuen Kathetertechniken für den sonst gesunden Patienten kaum bessere Ergebnisse liefern, sind aber andererseits auch mit spezifischen Herausforderungen an den Chirurgen und das gesamte Herzteams sowie mit methodischen Limitationen verbunden. Allerdings steigt das Risiko der konventionellen Operation naturgemäß mit dem Lebensalter der Patienten und den Begleiterkrankungen stetig an. Hier kommen nun die katheter-basierten Klappenverfahren ins Spiel, da diese Eingriffe ohne Herz-Lungen-Maschine und über kleinere Hautschnitte vorgenommen werden können. Für diese Risikopatienten können dann auch Nachteile der Katheterverfahren, wie Undichtigkeiten um die Klappe herum und eine erhöhte Schrittmacherrate akzeptiert werden.

Welche Patienten profitieren in besondere Weise davon?

Von den katheter-basierten Verfahren profitieren zusammenfassend die Patienten, die ein deutlich erhöhtes Risiko für die konventionelle Aortenklappenoperation besitzen. Dies sind vor allem ältere und geschwächte Patienten, die bereits eine Vielzahl von begleitenden Organerkrankungen mitbringen. Hier scheinen dann die Vorteile des geringen chirurgischen Traumas die Nachteile der Kathetertechnik wie die Gabe von Kontrastmittel oder auch, wie erwähnt, einer nicht selten verbleibenden Undichtigkeit des neuen Klappenventils zu überwiegen. Orientierend gesagt, evaluieren wir heute Patienten ab einem Lebensalter von 75 Jahren für die neuen Kathetertechniken. Natürlich kommen Patienten mit spezifischen Risiken wie z.B. einer Voroperation am Herzen, einer früheren Bestrahlung des Brustkobes, einer starken Verkalkung der Hauptschlagader oder bei schweren Lebererkrankungen auch schon in jüngerem Lebensalter in Betracht.

Geben Sie uns bitte einen Ausblick auf die Gefäß- und Herzchirurgie am HKZ für die kommenden Jahren. Welche Entwicklungen erwarten uns zum Wohle der Patienten?

Neben der Weiterentwicklung der minimal-invasiven Klappenchirurgie am HKZ, in der ich im Moment meine Hauptaufgabe sehe, strebe ich eine Ausweitung der chirurgischen Behandlung des Vorhofflimmerns und anderer Herzrhythmusstörungen an. Diesbezüglich wollen wir unter anderem auch die Zentren weiter überregional unterstützen, die mit komplexen Problemen nach Schrittmacherimplantationen um Hilfe bitten. Einen weiteren neuen Bereich sehe ich auch für Patienten, die als letzte Option ihrer Herzschwäche ein mechanisches System zur Kreislaufunterstützung bedürfen und so wieder ein Plus an Lebensqualität erreichen können. Zuletzt gibt es natürlich auch Perspektiven in der Gefäßchirurgie. Moderne Therapieansätze erlauben auch hier, komplexe Krankheitskonstellationen wenig belastend für die Patienten zu behandeln. Insgesamt wird es in den kommenden Jahren weiter zu einer Zunahme älterer Patienten und damit auch zu einem Anstieg von Herz-Kreislauf-Erkrankungen kommen. Somit wird es uns am HKZ sicher nicht langweilig. Durch die enge und freundschaftliche Zusammenarbeit aller am HKZ befindlichen Kliniken ist gewährleistet, dass für jedes Herzleiden oder Gefäßproblem eine moderne, möglichst schonende und vor allem nachhaltige Behandlungsmöglichkeit angeboten werden kann.

 http://www.herz-kreislauf-zentrum-rotenburg.de/

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