Schluss machen mit dem Stolpern

Prof. Dr. med. David Liebetanz
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Prof. Dr. med. David Liebetanz

Jährlich erleiden etwa 250 000 Deutsche einen Schlaganfall. Vielen von ihnen kann durch ein Neuroimplantat geholfen werden - wenn auch nicht allen. Neurologe Prof. Dr. David Liebetanz vom Universitätsklinikum Göttingen im Interview zu neuen Chancen für Patienten durch Neuroimplantate.

Prof. Liebetanz, worin besteht der Zweck eines Neuroimplantats nach einem Schlaganfall?

Prof. Dr. David Liebetanz: Durch einen Schlaganfall setzen bestimmte Zentren im Gehirn aus, beispielsweise die Areale, die dafür zuständig sind, dass man den Fuß beim Gehen anhebt. Von den Muskeln her könnten die Patienten den Fuß zwar heben, aber die Information vom Gehirn kommt nicht mehr an. Ein Neuroimplantat ersetzt die Verbindung.

Welche Chancen eröffnen sich den Patienten denn durch ein Neuroimplantat?

Prof. Liebetanz: Die Patienten mit Fallfuß stolpern schnell, eben weil der Fuß herunterhängt. Mit einem Neuroimplantat gibt es diese Probleme nicht mehr. Die Patienten können schneller und sicherer gehen und müssen nicht ständig nach unten schauen. Ein Vorteil eines Implantats gegenüber einer extern am Körper angebrachten Lösung ist, dass es keine Kabel und Elektronik gibt, die stört. Außerdem arbeitet es schmerzfrei und den Patienten bleiben Stromschläge durch die Haut erspart.

Für wen ist ein Neuroimplantat empfehlenswert?

Prof. Liebetanz: Das Neuroimplantat hilft ausschließlich Schlaganfallpatienten, die einen Fallfuß haben, also einen Fuß, der beim Heben immer wieder herabhängt. Sie müssen jedoch generell mobil, also minimal gehfähig, sein. Der betroffene Fuß des Patienten darf dabei nicht komplett steif oder spastisch sein, damit das Implantat den Gang des Schlaganfallpatienten verbessern kann.

Für welche Patienten kommt das nicht infrage?

Prof. Liebetanz: Patienten mit Bandscheibenvorfällen zum Beispiel profitieren nicht von dem Fußheber-Neuroimplantat, weil bei ihnen der Nerv geschädigt ist, den das Implantat stimuliert. Für Patienten mit Multiple Sklerose ist das spezielle Fußheber-Implantat aktuell nicht zugelassen.

Um herauszufinden, ob ein Patient für ein Neuroimplantat geeignet ist, gibt es Screenings am Klinikum Göttingen. Wie laufen die genau ab?

Prof. Liebetanz: Zuerst telefonieren wir mit den Interessenten, um herauszubekommen, ob sie tatsächlich einen Fallfuß haben und trotzdem noch mobil sind. Sollte der Schlaganfallpatient nämlich im Rollstuhl sitzen, hilft ihm ein Neuroimplantat nicht. Danach kommt der Patient zu uns ins Krankenhaus und es wird ein externer Stimulator am Unterschenkelmuskel angebracht, um zu sehen, ob das Gangbild besser wird. Wenn wir uns sicher sind, dass der Patient für ein Neuroimplantat infrage kommt, steht einer OP nichts im Weg.

Wird eine solche OP von der Krankenkasse bezahlt?

Prof. Liebetanz: Ja, das ist eine Kassenleistung.

www.neurologie.uni-goettingen.de/index.php/neuroprothetik.html

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