Langjährige Mieterin sollte auf Geld warten

102-Jährige sollte sich Wassergelderstattung beim heutigen Bewohner ihrer alten Wohnung holen

Geld fließt zum Teil in fremde Taschen: Die Rückerstattung des Wassergeldes kommt den aktuellen Eigentümern der Häuser zu, auch wenn es dort einen Wechsel gab. Foto: dpa

Kassel. Ihre 102-Jährige Mutter auf ihr zustehendes Geld warten zu lassen, das geht gar nicht, findet Ursula Vogel.

Die Rentnerin aus Kassel ist die gesetzliche Betreuerin ihrer Mutter Lieselotte Kaufmann, die im Alter von 102 Jahren in einem Altenheim lebt.

Bis vor zweieinhalb Jahren wohnte sie aber noch als Mieterin der Deutschen Annington (heute Vonovia) in einem Haus an der Achenbachstraße. 25 Jahre war Kaufmann dort Mieterin. Trotzdem sollte sie bei der Wassergeldrückerstattung hingehalten werden.

Für die Tochter ist die Sache klar: Ihre Mutter hatte seit 1987 und bis Januar 2014 in der Mietwohnung am Tannenwäldchen gelebt. In dieser Zeit zahlte sie ihr Wassergeld an den Vermieter. „Als solche ist sie auch berechtigt, die beschlossene 20-prozentige Wassergebührenerstattung für den Zeitraum von Januar 2008 bis März 2012 zu erhalten“, sagt Vogel. Sie geht von etwa 100 Euro aus, die ihrer Mutter zustehen.

Während über 80 Prozent der Kasseler Haushalte ihr Geld bereits erhalten haben, ließ es bei Lieselotte Kaufmann auf sich warten. Also klemmte sich die Tochter dahinter. Sie fand heraus, dass die Städtischen Werke die Erstattung längst weitergeleitet hatten.

Bei dem ehemaligen Vermieter, der Vonovia, sei sie aber auf wenig Hilfe gestoßen. Dort wurde ihr mitgeteilt, die alte Wohnung ihrer Mutter sei an eine Wohneigentumsgemeinschaft verkauft worden. Die Vonovia sei nur noch als Hausverwalter in der Immobilie tätig. Das erstattete Geld sollte 2017 über die Nebenkostenabrechnung den heutigen Bewohnern gutgeschrieben werden. Die 102-Jährige müsse sich dann bei den neuen Eigentümern das Geld zurückholen.

„Da erhält der heutige Bewohner Geld für etwas zurück, das er nicht gezahlt hat. Das ist ja wohl lachhaft“, sagt Vogel. Gesetzlich sei es nicht anders möglich, war sie von der Vonovia-Hausverwaltung vertröstet worden. Schließlich wandte sich Vogel an die HNA.

Auf Anfrage unserer Zeitung teilt die Vonovia mit, dass die Erstattung über die Wohneigentumsgemeinschaft laufen müsse, die das erstattete Geld für die betreffende Wohnung von den Städtischen Werken auch erhalten habe. Der heutige Eigentümer plane eine Erstattung aber erst 2017 mit der nächsten Abrechnung. Damit die 102-Jährige aber nicht bis dahin warten muss, will sich die Vonovia nun doch einschalten.

„Wir werden uns kurzfristig mit der Tochter der Mieterin in Verbindung setzen. Aufgrund der besonderen Konstellation prüfen wir, inwieweit wir ausnahmsweise vorzeitig eine Erstattung an unsere ehemalige Kundin vornehmen können“, sagt eine Firmensprecherin. Sie gehe von einer guten Lösung für alle Seiten aus.

Lesen Sei auch: 

Wassergeld versickert teils in falschen Taschen

Das sagt der Mieterbund

Nach Auskunft des Mieterbundes Nordhessen ist es nur richtig, wenn sich Ursula Vogel wegen der Rückerstattung für ihre Mutter an die Vonovia wendet. Diese sei zuständig, da zu ihr ein Vertragsverhältnis mit der Mutter bestanden habe, sagt Mieterbund-Geschäftsführer Folker Gebel. Das der heutige Eigentümer der Wohnung erst 2017 eine Erstattung vornimmt, könne nicht das Problem der ehemaligen Vonovia-Mieterin sein. Juristisch habe sie gute Chancen, das Geld vorzeitig einzufordern.

Noch kein Geld erhalten? Betroffene Eigentümer sollen sich bei Städtischen Werken melden

Bis Ende Juni haben die Städtischen Werke alle rückzahlungsberechtigten Kunden angeschrieben, deren aktuellen Adressen bekannt waren. So wurden 54 000 Eigentümer von Ein- und Mehrfamilienhäusern über ihre Wassergelderstattung informiert. Dieser Prozess ist abgeschlossen. „Der Rest war nicht ermittelbar, weil nicht nachvollziehbar, verzogen, verstorben oder uns keine Rückmeldung über die aktuelle Anschrift und Bankverbindung vorlag“, erläutert Ingo Pijanka, Sprecher der Städtischen Werke. In der Vereinbarung mit der Landeskartellbehörde sei geregelt, dass die Kunden bis Ende 2016 ausgezahlt sein müssen. Deshalb hätten die Städtischen Werke zunächst gebeten, deren Mitarbeiter bis Ende Juni in Ruhe ermitteln und auszahlen zu lassen und dann erst, wenn man noch nicht angeschrieben sein sollte, sich zu melden. Dies haben seit Anfang Juli weitere 600 Kunden getan.

• Wer Hauseigentümer ist und dies auch schon zwischen 2008 und 2012 gewesen ist und bis heute kein Geld erhalten hat, der sollte sich ab sofort bei den Städtischen Werken melden:

Telefon 05 61/ 782 30 25

• Mieter müssen sich an Ihren Vermieter wenden, wenn es um die Erstattung geht. Möglicherweise erstattet dieser aber erst mit der Hausabrechnung 2017. Er ist aber auf jeden Fall verpflichtet, das Geld an die berechtigten Mieter weiterzuleiten.

Hintergrund: Reduzierter Wasserpreis nur rückwirkend

Der Streit über die Kasseler Wasserpreise hatte sich über viele Jahre hingezogen. Die Landeskartellbehörde hatte die Städtischen Werke 2008 aufgefordert, ihre Preise um 37 Prozent zu senken, da sie sie für überhöht hielt. Die Städtischen Werken sahen dies anders und so kam es zum jahrelangen Rechtsstreit. Im Herbst 2015 kam die Einigung: Die Städtischen Werke zahlen für den Zeitraum Januar 2008 bis März 2012 insgesamt 20 Prozent des Wassergeldes zurück. Für den Zeitraum danach hatten die Kartellwächter keinen Zugriff mehr, denn im April 2012 war die Wasserversorgung mit der Gründung von Kasselwasser wieder allein in kommunale Hände gelegt. Seitdem hat sich der Preis von 2,14 Euro pro Kubikmeter nicht geändert, aber das Kartellamt ist nicht mehr zuständig, weil es auf Wassergebühren kein Einfluss hat.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren: Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.