Stadt hat Abbruch wegen Gutachten nachträglich akzeptiert

Abriss von denkmalgeschützter Villa bleibt fragwürdig

Heute: Nur die Fassade ist von der Villa an der Burgfeldstraße übrig geblieben. Fotos: Ludwig, Archiv

Bad Wilhelmshöhe. Obwohl sie unter Denkmalschutz stand, wurde die 1915 erbaute Villa an der Burgfeldstraße 16 fast komplett abgerissen. Nur die Fassade blieb stehen, was Ortsbeirat und Anwohner kritisierten.

Wie sich nun zudem herausstellt, hatte die Stadt den Abbruch auf Basis eines fragwürdigen Gutachtens nachträglich akzeptiert.

Die Geschichte begann vergangenes Jahr, als der Kasseler Investor Königstor Baumanufaktur die Villa kaufte. Sein Plan: dort Eigentumswohnungen einzurichten. Zwischen Bauherr und Bauamt war vereinbart worden, dass für das Vorhaben nur zwei Anbauten aus der Nachkriegszeit abgebrochen werden dürfen.

Stadt akzeptierte Abriss

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Dabei blieb es aber nicht. Nachbarn beobachteten, wie Bagger auch den historischen Teil der Villa zerstörten und informierten die Bauaufsicht. Diese schritt zunächst auch ein und verhängte einen Baustopp. Nach vier Wochen durfte aber weitergearbeitet werden. Denn der Bauherr präsentierte ein Gutachten, nachdem Wände der Villa nicht mehr tragfähig gewesen seien. Daher habe man den Abriss schließlich akzeptiert, sagte Volker Mohr, Leiter des Stadtplanungsamtes.

Wie nun aber auf HNA-Anfrage bei der Stadt bekannt wurde, war das Gutachten erst erstellt worden, als große Teile des historischen Baus bereits zerstört waren und damit wohl auch die Statik.

Früher: Die Villa im neoklassizistischen Stil war 1915 errichtet worden und stand unter Denkmalschutz.

Die früheren Eigentümer, die die Villa an den Investor verkauft hatten, versichern gegenüber der HNA, dass es zuvor nie statische Probleme gab. Das Gebäude wurde 1968 und 1980 um Anbauten ergänzt und mit einer Nutzungsänderung über 44 Jahre als Hotelpension betrieben. Dazu waren umfangreiche statische Berechnungen notwendig, die noch vorhanden sind. Nicht verstehen können die ehemaligen Eigentümer, dass die Abrissarbeiten durch die Stadt geduldet und nachträglich legalisiert wurden.

Als sie selbst im Jahr 2001 das Gebäude erweitern wollten, um damit ebenfalls Eigentumswohnungen zu errichten, sei ihnen dies mit Verweis auf den Denkmalschutz von der Stadt unmöglich gemacht worden. Nur kleine Anbauten seien genehmigt gewesen, aber keine Verfremdung der historischen Villa. Dies betrachteten die Voreigentümer seinerzeit als einen Eingriff in ihren Besitz, die eine wirtschaftlichen Nutzung verhindere.

Mit den Bedingungen, wie sie jetzt offenbar rechtswidrig geschaffen worden seien, sei ein weit höherer Verkaufserlös zu erzielen gewesen – was wohl auch die Motivation des Investors gewesen sei, vermuten die früheren Eigentümer. Aus ihrer Sicht wurden im Zusammenhang mit dem jetzigen Bauvorhaben schwere Versäumnisse bei der Stadt begangen.

„Ich will wissen, wer dafür sein Okay gab“

Prof. Alexander Eichenlaub, emeritierter Architektur-Professor der Uni Kassel und Vorstandsmitglied im Landesdenkmalrat, will aufklären, wie die Stadt den Abriss der Villa an der Burgfeldstraße akzeptieren konnte. „Ich will wissen, wer dafür sein Okay gab. Dieser Fall ist kein besonders gutes Zeichen für den Umgang mit Denkmälern und der Öffentlichkeit“, sagt Eichenlaub. So werde bei den Bürgern das Vertrauen in den Denkmalschutz geschädigt.

Beim Treffen des Landesdenkmalrates mit den Unteren Denkmalschutzbehörden am kommenden Montag wolle er das Thema ansprechen. Dass Eichenlaub sich in den Fall einschaltet, ist besonders interessant, da er der Professor des heutigen Stadtbaurats Christof Nolda (Grüne) war.

Von Bastian Ludwig

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