Kritiker: "Gravierende Fehlentscheidung"

Panzer für Algerien: Rheinmetall baut Fabrik und liefert moderne Füchse

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Milliardenauftag für Rheinmetall: Der Standort Kassel liefert den Radpanzer Fuchs nach Algerien und bildet junge Algerier in Kassel für die Fahrzeugmontage aus.

Kassel. Die Kasseler Panzerbauer von Rheinmetall spielen bei einem der größten Waffenexport-Geschäfte der jüngeren Vergangenheit die Hauptrolle. Sie haben nach HNA-Informationen 54 Radpanzer „Fuchs 2“ für Algerien gebaut und werden das Land bei der Herstellung weiterer 926 Exemplare unterstützen.

Nicht nur das: Rheinmetall stellt den Algeriern in Ain Smara im Norden des Landes eine moderne Fabrik hin, in der jährlich 120 Fahrzeuge montiert werden sollen. Unternehmenssprecher Peter Rücker mochte das Geschäft unter Hinweis auf die bei solchen Aufträgen übliche Verschwiegenheitsklausel nicht kommentieren.

200 junge Algerier haben in den vergangenen Monaten eine Ausbildung im Kasseler Werk der Rheinmetall Landsysteme GmbH (RLS) absolviert. Einige sind noch da. Den theoretisch-schulischen Part hat das Berufsbildungszentrum (BZ) der Kasseler Handwerkskammer in eigens eingerichteten Klassen übernommen. Auch sie lehnte einen Kommentar zu dem Projekt ab.

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Damit ist das Gesamtprojekt einzigartig: Lieferung von Panzern und Komponenten, Bau einer modernen Fabrik, Ausbildung der künftigen Beschäftigten und logistische Hilfestellung. Nach unbestätigten Informationen unserer Zeitung hat das Geschäft ein Volumen von 2,7 Milliarden Euro. Für Rheinmetall und Kassel, wo der Heerestechnik-Hersteller in zwei Werken fast 900 Mitarbeiter beschäftigt, endet der Auftrag aber nicht mit der Fertigstellung der Fabrik und dem Produktionsanlauf. Denn Rheinmetall liefert nahezu alle Komponenten, die zum Bau der Panzer notwendig sind.

Es dürfte zumindest anfänglich, wahrscheinlich aber auch dauerhaft personelle Unterstützung aus Kassel und anderen Rheinmetall-Werken geben. Algerien will mit den fast 1000 Füchsen moderner Bauart vor allem seine 6434 Kilometer lange Grenze zu ganz überwiegend instabilen Staaten wie Mali, Niger, Tunesien und Libyen sowie Mauretanien und Marokko schützen. Das nach dem Kongo größte Land Afrikas hat sich verpflichtet, keine Rheinmetall-Panzer an andere Staaten zu liefern. Bei Zuwiderhandlungen könnte der deutsche Rüstungskonzern und Autozulieferer die Komponentenlieferung einstellen. Dann wäre der Panzerbau unmöglich.

Rheinmetall setzte 2013 gut 4,6 Milliarden Euro um, davon fast 47 Prozent mit Rüstungsgütern. Das Unternehmen sitzt auf einem komfortablen Auftragspolster von 6,5 Mrd. Euro, was fast eineinhalb Jahresumsätzen entspricht. Der Konzern beschäftigt 21.100 Mitarbeiter. Kassel ist das Kompetenzzentrum für Radfahrzeuge, für Baugruppen und Komponenten wie Wanne und Hydraulik für Rad- und Kettenfahrzeuge sowie für Instandhaltung und Modernisierung. (jpo)

Das sagen die Kritiker

Als gravierende Fehlentscheidung sieht Michael Kellner den Verkauf einer ganzen Fabrik zur Produktion von Fuchs-Panzern nach Algerien. „In dem Land gibt es schwerste Menschenrechtsverletzungen“, begründet der politische Bundesgeschäftsführer der Grünen seine Kritik. Hinzu komme ein nicht zu unterschätzender Risikofaktor: Niemand könne wissen, dass die Panzer später nicht doch weiterverkauft würden.

Damit das nicht passiert, hat sich das nordafrikanische Land dazu verpflichten müssen, die Fahrzeuge später nicht in andere Länder zu exportieren. Das sei jedoch nur eine Formalie, heißt es bei der Linkspartei: Die sogenannte Endverbleibskontrolle, auf die sich die Bundesregierung bezieht, bestehe nur darin, dass der Käufer vor dem Erwerb ein Stück Papier unterzeichnet – was danach sei, würde nicht überprüft. „Der Kanzlerin scheint es auch völlig egal zu sein, welche Folgen der Verkauf einer ganzen Panzerfabrik hat – bekanntlich den totalen Kontrollverlust. Das zeigt schon das Beispiel Ägypten, das den Radpanzer Fahd mit deutschen Lizenzen herstellt und in Krisengebiete wie den Sudan und Kongo verkauft. Auch in Algerien wird man solche Geschäfte künftig nicht verhindern können“, ist sich Jan van Aken, außenpolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke, sicher. Deshalb fordert er, dass der Export von ganzen Waffenfabriken verboten werden muss.

Die deutsche Regierung hat sich zu den Bedenken der Linksfraktion geäußert. In einer Antwort auf eine kleine Anfrage teilte sie mit, dass die „Fuchs-Radpanzer unter anderem zur Bekämpfung von Terrorismus und zur Sicherung von Grenzen“ eingesetzt werden. Algerien als größter afrikanische Staat mit teilweise schwer zu überwachenden Grenzen, grenzüberschreitender Terror sei für Algerien und die Länder der Region eine „ernsthafte Bedrohung“. (cow)

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