HNA-Leser hütete Bilderschatz

110 Jahre alte 3D-Bilder lassen untergegangenes Kassel wieder aufleben

Blick vom Turm der Martinskirche: Die Türme der Kirche wurden im Zweiten Weltkrieg stark zerstört. Hier einer der alten Türme mit Stadtpanorama. Im Hintergrund die heutige Schule am Wall.

Kassel. Das alte Kassel lebt: In einem Pappkarton hat es die Jahrzehnte überstanden. Und jetzt ist es wieder ans Tageslicht gekommen.

HNA-Leser Lothar Vaupel (73) aus Vellmar hat diese Kiste zuletzt gehütet. In ihr befinden sich 100 Fotos aus dem alten Kassel. Das Besondere: Sie zeigen nicht nur viele unbekannte Motive, sondern präsentieren das Leben im Aufnahmejahr 1906 zum Greifen nah. Mithilfe einer Stereokamera wurde der Effekt damals im Auftrag des Kasseler Optikergeschäfts Herrmann Scheyhing festgehalten.

Bei der Stereoskopie werden zwei Fotos aus leicht unterschiedlichen Blickwinkeln, die dem Augenabstand entsprechen, geschossen. Wird das Doppelbild mithilfe eines Stereoskops betrachtet, entsteht ein räumlicher Eindruck. Die Illusion ist perfekt: Der Betrachter meint, die abgebildeten Menschen anfassen und die Altstadt riechen zu können.

Fotos vor Zerstörung gerettet

100 von diesen Doppelkarten hat Vaupel aus dem Nachlass seiner 1995 verstorbenen Mutter bekommen. Diese wiederum bekam sie Ende der 1970er-Jahre von ihrer Nachbarin im Altenwohnheim im Fasanenhof geschenkt. „Die alte Kasselerin gab sie meiner Mutter, als sie nach Stuttgart zu ihren Verwandten umzog“, erinnert sich Vaupel. Auch ein altes Stereoskop zum Betrachten gehörte dazu. Als der Sohn seine Mutter seinerzeit im Altenwohnheim besuchte, rettete er die Fotos durch Zufall vor der Zerstörung. „Meine Mutter wollte die Doppelbilder in der Mitte durchschneiden, um jeweils ein Foto ihrer Nichte Gudrun zu schicken“, erzählt Vaupel. Seine Mutter hatte nicht verstanden, dass dann der 3 D-Effekt für immer verloren gegangen wäre.

Durch die Intervention des Sohnes blieben die Bilder erhalten und lagerten bislang weitestgehend unbemerkt bei dem Vellmarer. Nur ab und zu kramte er sie heraus, um sie Freunden zu zeigen. Diese waren von dem begeistert, was sie sahen: Der Blick von der Martinskirche, das alte Auetor, das Leben in der Altstadt, Hafenarbeiter an der Fulda – die Bandbreite ist groß.

Der Urheber, das Optikergeschäft Herrmann Scheyhing, wurde 1865 in Kassel gegründet. Der gleichnamige Optiker war sehr erfolgreich und hatte seinen Vertrieb von optischen Geräten bis nach Chile und Argentinien gespannt. Als die Stereobilder entstanden, war der Firmengründer aber bereits verstorben. Der Sohn Christian Scheyhing führte den Betrieb am Königsplatz weiter und beauftragte offenbar auch die Stereobilder, die er samt Stereoskop seinen Zeitgenossen zum Kauf anbot.

• Die HNA will ihren Lesern in Kürze die Möglichkeit geben, die Bilder samt 3 D-Effekt zu erleben. Näheres dazu erfahren Sie in einer unserer nächsten Ausgaben.

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