Nur 150 Meter vom Rathaus entfernt

Mitten in Kassels Innenstadt - und doch nicht zu sehen: Alter Fachwerkhof

War im Zweiten Weltkrieg nur in Teilen beschädigt worden: Das Fachwerkanwesen an der Friedrichsstraße diente über 100 Jahre lang als Bauhof und Werkstatt. Pferdefuhrwerke brachten die Baumaterialien an ihren Bestimmungsort. Foto: Ludwig

Kassel. Wer den Fachwerkhof sieht, würde diesen niemals in der Kasseler Innenstadt vermuten. Doch genau dort steht er seit etwa 200 Jahren. Nur 150 Meter vom Kasseler Rathaus entfernt.

Das Anwesen liegt im Hinterhof der Friedrichsstraße 18. Mithilfe des Kasseler Stadthistorikers Christian Presche haben wir die Geschichte des Gebäudes aufgearbeitet.

Unscheinbares Vorderhaus: Zur Friedrichsstraße 18 gehören zwei Gebäude. Von der Straße aus ist nur ein schmuckloser Nachkriegsbau zu sehen. Hinter der Tordurchfahrt verbirgt sich das Kleinod.

Während an der Friedrichsstraße zur Straße hin nur ein grüner 50er-Jahre-Bau zu sehen ist, eröffnet sich hinter einer Toreinfahrt der Blick auf das Fachwerk-Idyll. In dem zweigeschossigen Bau hat der Mineralienhändler Peter Bosse seinen Firmensitz, im Obergeschoss befindet sich eine Mietwohnung. Der Eigentümer des Hauses, das im Krieg zum Teil zerstört und wiederaufgebaut wurde, wohnt in der Nähe von Frankfurt.

In seiner 200-jährigen Geschichte ist das Gebäude durch viele Hände gegangen. Nach Recherchen des Kasseler Historikers Presche wurde es um 1820 vom kurfürstlichen Hofmaurermeister Daniel August Feist (1765-1838) erbaut. Hintergebäude und Hofgelände dienten als Werkstatt und Bauhof.

Steinhauer-Dynastie

Der Bauherr des Fachwerkhofes war nach Erkenntnissen von Presche höchstwahrscheinlich der Sohn von Andreas Feist, der in Kassel Spuren hinterlassen hat, die bis heute sichtbar sind. Vater Andreas Feist war ab 1768 als Steinhauer- und Maurermeister unter Landgraf Friedrich II. an Bauarbeiten im Bergpark (Herkules und Kaskaden) beteiligt und zudem mit weiteren Maurermeistern als Bauunternehmer mit dem Bau von Schloss Wilhelmshöhe beauftragt worden.

Der Sohn war also in die Fußstapfen des Vaters getreten und führte das Unternehmen an der Friedrichsstraße. Schließlich vererbte dieser den Betrieb an die nächste Generation weiter. Neben dem Fachwerkhof befanden sich seinerzeit Nebengebäude – vermutlich handelte es sich um Wagenremisen und Ställe. Tatsächlich ist in alten Adressbüchern nachzulesen, dass um 1860 mehrere Kutscher dort registriert waren. Historiker Presche geht davon aus, dass diese die Baumaterialien des Bauhofes mit ihren Pferdewagen transportierten.

1864 ging das Gebäude in die Hände des Maurermeisters Siegmund Lauckhardt über. Dieser baute das Anwesen mehrfach um. Luckhardt sollte nicht der letzte Handwerker sein, der in der zentralen Lage seinen Geschäften nachging. Später richtete dort Schlossermeister Louis Mennicke seine Werkstatt ein.

Im Zweiten Weltkrieg wurden das Vorderhaus und Teile des Hinterhauses zerstört. Einzelne Eichenbalken mussten ersetzt werden. Erhalten ist vom Vorderhaus neben dem Sockel nur der Keller. Auch unter dem Fachwerkhof gibt es einen alten Keller.

Fachwerkhof ist Ergebnis eines gescheiterten königlichen Projekts

Das Areal an der Friedrichsstraße hat eine interessante Vorgeschichte eines gescheiterten Bauprojekts, das bereits mit dem Maurermeister Daniel August Feist verbunden ist: 1810 erschien ein königlich-westphälisches Dekret, dass die heutige Friedrichsstraße als „Rue Elisa“ zu bebauen sei. Hofbaumeister Leo Klenze entwarf für den nördlichen Abschnitt vier einheitliche Mietshäuser, insgesamt etwa 70 Meter lang. Die Erschließung des Areals wurde vom Staat organisiert, die Bauherren sollten die Hälfte der Kosten zurückzahlen.

„Dieses Projekt wollte nun unser Maurermeister Daniel August Feist realisieren, und auf diesem Wege kam er also auch in den Besitz des Grundstücks Friedrichsstraße 18“, erzählt Stadthistoriker Christian Presche. Einige Kellerräume und Fundamente wurden bis zum Ende des Königreichs 1813 auch errichtet. Das Bauprojekt geriet jedoch ins Stocken, und mit dem Untergang des Königreichs 1813 und dem Abzug der Franzosen aus Kassel war die Rentabilität endgültig fragwürdig geworden.

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