Autofahrer in Kassel waren verunsichert

Sie regeln seit 60 Jahren den Verkehr: Als Ampeln noch Angst machten

Kassels erste Ampelanlage: Sie wurde 1954 an der Rathauskreuzung aufgestellt. Unser Foto von 1961 zeigt die Ampel und die Fünffensterstraße in Richtung Ständeplatz. Links steht heute ein Hochhaus. Rechts (nicht im Bild) liegt die Königsstraße. Fotos: HNA-Archiv/ Lengemann

Kassel. Die erste elektrische Ampel ging vor 100 Jahren in der US-Stadt Cleveland in Betrieb. Kassel zog 40 Jahre später nach. Im Jahr 1954 wurde an der Rathauskreuzung das erste Lichtsignal aufgebaut. In diesen 60 Jahren ist die Zahl der Anlagen auf 214 gestiegen. Ein Blick zurück und nach vorn.

Am 4. Januar 1954 sahen Kassels Autofahrer zum ersten Mal Rot. Damals wurde an der Rathauskreuzung die erste Kasseler Ampelanlage in Betrieb genommen. „Während viele andere Städte seinerzeit nur Ampeln mir roten und grünen Lichtzeichen hatten, entschieden sich Kassels Stadtverordnete für rot, gelb, grün“, erzählt Bernd Noll vom Straßenverkehrsamt. Eine Variante, die sich bundesweit durchsetzen sollte. Doch bis sich die Kasseler an die Geräte gewöhnten, waren viel Aufklärung und Überzeugung nötig.

Die neuen „Blinklichtanlagen“, wie sie im Jahr 1954 bezeichnet wurden, waren vielen nicht geheuer und ihre Funktion längst nicht jedem bekannt. „Deshalb wurden Rot-Fahrten von der Polizei anfangs nicht bestraft. Man ging davon aus, dass die Menschen die Ampeln noch nicht begriffen hatten“, sagt Noll.

Als wenige Monate nach dem Rathaus auch am Stern eine Ampel aufgebaut wurde, erklärte unsere Zeitung ausführlich deren Funktion. Hier ein Auszug: „Es ist kein Grund vorhanden, den Kasseler Stern von jetzt an mit Herzklopfen anzusteuern [...] Millionen in aller Welt haben sich an sie gewöhnt, wir Kasselaner werden es auch bald geschafft haben.“

„Millionen in aller Welt haben sich an sie gewöhnt, wir Kasselaner werden es auch bald geschafft haben.“

Bis es soweit war, mussten sich die Kasseler zunächst von den lieb gewonnenen Verkehrspolizisten verabschieden. Als die beiden Hauptwachtmeister, die über Jahre am Altmarkt den Verkehr geregelt hatten, im Oktober 1954 durch Ampeln ersetzt wurden, machte sich Wehmut breit. Unser Autor befürchtete damals, es könnte in Zukunft „menschliche Wärme“ an der Kreuzung fehlen. Tatsächlich hatte mancher Verkehrsteilnehmer seinerzeit den Polizisten zu deren Geburtstag kleine Präsente auf deren rot-weiße Podeste gestellt.

Einblicke in die Kasseler Ampel-Geschichte

60 Jahre Ampeln in Kassel

Für menschliche Wärme ist an Kassels Kreuzungen im 21. Jahrhundert tatsächlich kein Platz. Inzwischen regeln 1000 Prozessoren in 214 Steuergeräten den Verkehr an ebenso vielen Knotenpunkten. Ein Steuergerät ist für eine Anlage zuständig, an der mehrere Ampeln (Signalgeber) hängen. Mit dem steigenden Verkehrsaufkommen nimmt die Komplexität zu, sagt Noll, der sich seit 34 Jahren um die Kasseler Ampeln kümmert. Steuerten vor 20 Jahren noch 186 Geräte knapp 2000 Ampeln, kümmern sich die 214 Computer heute um die Schaltung von 3700 Lichtzeichen.

Reduzierung klappte nicht

Bernd Noll

Die Stadt habe mal versucht, die Zahl der Ampeln zu reduzieren, sagt Noll. Dies sei aber nicht langfristig gelungen. Mit dem Ausbau der Blindenampeln und der Signalisierung der Tram- und Busspuren wachse das System ständig. Eine Million Euro werde jährlich investiert, um die Technik instand zu halten.

Die älteste Kasseler Ampel, die noch in Betrieb ist, steht am Ständeplatz und stammt aus dem Jahr 1991. Sie soll im Zuge der Sanierung der Friedrich-Ebert-Straße Ende 2015 erneuert werden.

Von Bastian Ludwig

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