Wirtschaft bedauert Ausgang des Referendums

Angst vor Domino-Effekt: Das sagen Firmen in Kassel und Umgebung zum Brexit

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Gehen künftig getrennte Wege: Die Europäische Union und Großbritannien.

Kassel. Großbritannien will die Europäische Union verlassen. 51,9 Prozent der Wähler haben am Donnerstag für den Brexit gestimmt. In Nordhessen wird das Votum ohne große Aufregung aufgenommen.

Unternehmen erwarten keine gravierenden Auswirkungen - zumindest nicht unmittelbar.

Für die meisten großen Firmen ist Großbritannien nicht der Hauptmarkt. Sie sehen deshalb wenige direkte Folgen für ihr Geschäft. „Der Umsatzanteil Großbritanniens am Gesamtumsatz der K+S-Gruppe liegt im niedrigen einstelligen Prozentbereich“, sagte zum Beispiel Pressesprecher Michael Wudonig vom Kasseler Salz- und Düngemittelkonzern.

Viele Unternehmer betrachten aber mit Sorge, welche weiteren Auswirkungen der Brexit haben wird. „Gesamtwirtschaftlich und politisch ist der Brexit ein Desaster“, sagt der neue Präsident der IHK Kassel-Marburg, Jörg Ludwig Jordan, der aber für sein Unternehmen, den Kasseler Bodenbelags-Großhändler Jordan, keine großen Auswirkungen erwartet. „Ich bin aber sicher, dass Großbritannien und Europa Schaden nehmen werden, und das in einer Zeit, in der der alte Kontinent geschlossen und stark sein muss“, sagte er mit Verweis auf viele schwelende Konflikte.

Volkswagen 

Für Volkswagen ist es ist zu früh, alle Auswirkungen zu bewerten. Der Konzern agiere in unterschiedlichen Märkten. „Wir sind demnach gut aufgestellt, um uns an sich verändernde wirtschaftliche und politische Umstände anzupassen“, sagte Pressesprecher Heiko Hillwig vom Werk Kassel. Großbritannien sei der zweitgrößte europäische Markt für VW sowie mit Bentley ein wichtiger Produktions- und Investitionsstandort.

B. Braun 

Am B. Braun-Standort in Sheffield bestehe keine Nervosität über den künftigen Weg des Unternehmens. Aber viele der 1200 Mitarbeiter seien geschockt über den Ausgang des Referendums, sagte Hans Hux von B.Braun Medical: „In erster Linie gilt es jetzt, Ruhe zu bewahren und Kunden und Mitarbeiter zu versichern dass Großbritannien auch weiterhin ein wichtiger Markt für das Unternehmen darstellt.“

Hübner-Gruppe 

Ingolf Cedra, Mitgeschäftsführer der Hübner-Gruppe, erklärt: „Ich denke, dass wir mittelfristig Nachteile durch den Brexit bekommen werden. Die Geschäfte mit Großbritannien werden komplizierter. Aber viel schlimmer sind aus unserer Sicht die Auswirkungen auf den Euro. Wir befürchten einen Domino-Effekt. Das beschäftigt uns als exportorientiertes Unternehmen sehr.“

SMA Solar 

„Nach dem Boom 2015 ist der Solartechnikmarkt in Großbritannien stark zurückgegangen und hat für uns auf absehbare Zeit nur noch eine geringe Bedeutung. Für SMA erwarten wir aus den oben genannten Gründen keine erheblichen Auswirkungen durch den Brexit“, sagte Pressesprecherin Susanne Henkel.

Bombardier 

Für den Kasseler Bombardier- Lokwerk erwartet dessen Leiter Steffen Riepe keine Auswirkungen durch den geplanten Aufstieg Großbritanniens aus der EU. Wohl aber für den Konzernbauer insgesamt, der mehre Produktionsstandorte auf der Insel betreibt. 

Kasseler Sparkasse 

„Mit dem ‘Nein’ der Briten erfährt die EU eine Zurückweisung“, sagt Ingo Buchholz, Vorstandsvorsitzender der Kasseler Sparkasse. „Der Verbleib des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union wäre wünschenswert gewesen, die Auswirkungen für die Wirtschaft in unserer Region bleiben abzuwarten.“

DekaBank-Chefvolkswirt Dr. Ulrich Kater vergleicht die Entscheidung der Briten mit dem Fall des Eisernen Vorhangs vor fast30 Jahren. Das sei ein „politisches Beben gleicher Größenordnung“. Die DekaBank ist das Wertpapierhaus der Sparkassen.

Wirtschaftsförderung 

„Zunächst keine unmittelbaren negativen Folgen für den Wirtschaftsstandort Region Kassel und Nordhessen“ erwartet Kai Lorenz Wittrock, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Kassel GmbH. Dennoch müsse man weiter dafür werben, dass die Freiheit von Handel und Dienstleistungen zum Vorteil aller europäischen Beteiligten ein hohes Gut ist. (

Kasseler Bank 

Aus Investoren- bzw. Anlegersicht sei der Ärmelkanal durch deutlich breiter geworden, sagt Christina Hackenberg, Sprecherin der Kasseler Bank. Die Anleger hätten aber insgesamt sehr besonnen reagiert und auf das aktive interne Risikomanagement innerhalb von breit diversifizierten Produkten vertraut. Kunden, die im Vorfeld des Brexit-Votums ihre Investitionsentscheidungen zurückgestellt hätten, nutzten das gesunkene Niveau zu ersten Käufen.

Kassel Marketing 

Auf den Tourismus in Kassel wird der „Brexit“ wohl keine großen Auswirkungen haben, vermutet Hubert Henselmann, Bereichsleiter Tourismus bei Kassel Marketing. Der Anteil von Briten, die Kassel als Touristen besuchen, sei bislang schon vergleichsweise gering gewesen. Von den 903 000 Hotel-Übernachtungen im vergangenen Jahr, seien knapp 5000 von Briten gebucht worden. Das Gros der Kassel-Touristen komme aus den Niederlanden, der Schweiz, Österreich und Skandinavien, so Henselmann.

Kasseler Medizinstudium 

Auf das Medizinstudium, das die Gesundheit Nordhessen Holding (GNH) in Zusammenarbeit mit der University of Southampton anbietet, hat der Brexit vorerst keine Auswirkungen. Derzeit gibt es 67 Studierende in drei Jahrgängen. Nach dem Votum der Briten hätten die University of Southampton und die Kassel School of Medicine (KSM) bekräftigt, auch künftig bei der zweisprachigen Ausbildung von Medizinstudierenden in Southampton und Kassel zusammenzuarbeiten, sagt GNH-Sprecherin Gisa Stämm. Falls es zu einem späteren Zeitpunkt dazu komme, dass die europäische Bezeichnung des Studiengangs wegfalle, hätten die KSM-Studierenden trotzdem den englischen Abschluss. Dieser Studienabschluss ermögliche ihnen auch künftig - wie in der Vergangenheit - die Anerkennung als Arzt in Deutschland sowie weltweit.

Unseren Liveticker zum Brexit finden Sie hier.

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