Branche hat immer größere Schwierigkeiten, Stellen zu besetzen

Junge Leute wollen nicht zum Bau

Seltener Anblick. Immer weniger junge Menschen wollen einen Bauberuf erlernen. Unser Archivfoto zeigt (von links) Firat Türe und Adrian Kozinski während des Tages der offenen Tür der Lehrbaustelle in Bebra im Kreis Hersfeld-Rotenburg. Foto: Fischer (1) / nh

Kassel. Volle Auftragsbücher im Hochbau, vergleichsweise hohe Löhne, gute Karrierechancen und glänzende Perspektiven: Eigentlich müssten junge Leute den Baubetrieben die Türen einrennen, tun sie aber nicht.

Und genau das ist das Problem der gesamten Branche: massiver Nachwuchsmangel. Bundesweit scheiden jährlich 16 000 Bauarbeiter altersbedingt aus dem Job, aber nur 10 000 wachsen nach.

Davon kann auch die Vorsitzende der Regionalgruppe Nordhessen des Bauindustrieverbands Hessen-Thüringen und Vorstand der Kasseler Hermanns Bau AG, Dr. Anne Fenge, ein traurig Lied singen. Vor nicht allzu langer Zeit noch stellte ihr Unternehmen jährlich zehn neue Azubis ein, diesmal keinen einzigen. „Wir haben kaum Bewerber, und die, die auf uns zukommen, sind nicht geeignet“, klagt sie.

Dabei sind die Jobs am Bau sicher, denn „gebaut wird immer“, sagt die Unternehmerin. Und der Hauptgeschäftsführer des Verbands, Dr. Burkhard Siebert, fügt hinzu: „Ohne Bauen geht nichts“. Straßen, Brücken, Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten, Flughäfen, Wohnungen, Kanäle, Pipelines – die Bauwirtschaft werde überall gebraucht.

Siebert und Fenge verweisen auf die anspruchsvolle, abwechslungsreiche Arbeit mit modernsten Maschinen in unterschiedlichsten Projekten. „Unser Produkte sind allesamt Unikate“, sagt Fenge. Das Image der Branche werde ihrer Bedeutung nicht gerecht.

Aber die Lage der Branche ist nicht überall gleich gut. Während der Hoch- und Spezialbau seit Jahren boomt, läuft es im Tiefbau trotz des großen Investitionsstaus schleppend. Grund sind nach Verbandsangaben nicht nur leere kommunale Kassen, sondern auch mangelnde Planungskapazitäten in Bauverwaltungen und Straßenbauämtern. „Zig Millionen werden nicht abgerufen, weil auch die kommunalen Auftraggeber unter Personalmangel leiden“, sagt Siebert. Fenge: „Es könnte viel mehr gebaut werden, wenn die Ämter besser besetzt wären“.

Erschwerend hinzu komme, dass die Zahlungsmoral gerade der öffentlichen Hand immer schlechter werde. Die Branche müsse alles vorfinanzieren, und dann würden Zahlungen ohne erkennbare Gründe auch noch hinausgezögert. „Viele Betriebe geraten deswegen in Schwierigkeiten“, so Fenge. Mit Sorge verfolgen Fenge und Siebert die geplante Novellierung des Bauvertragsrechts. Die räume dem Auftraggeber unter anderem einseitig das Recht ein, während der Bauphase bauliche Änderungen vorzunehmen ohne die entsprechende Vergütung zu regeln. Das sei nicht akzetabel, so Siebert. Gleichzeitig fordert der Bauindustrieverband angesichts des immer knapper werdenden Deponieraums die Ausweisung neuer Flächen für die Ablagerung von Erdaushub und mineralischen Bauabfälle.

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