Er entwarf mit der Chattenburg das größte deutsche Fürstenschloss

Architekt der Löwenburg plante für Kassel weitaus Größeres

Blieb nur ein Modell: Die Chattenburg sollte dort gebaut werden, wo heute das Regierungspräsidium steht. Rechts im Bild ist das bis heute erhaltene Rondell an der Fulda zu erkennen. Von der Chattenburg wurde nur das erste Stockwerk erschaffen und 50 Jahre später wieder abgetragen. Fotos: Stadtarchiv (3)

Kassel. Mit monumentaler Architektur kannte sich Kassels Oberhofbaudirektor Heinrich Christoph Jussow (1754-1825) aus. Sein größtes Projekt aber wurde nie fertiggestellt.

Aus Jussows Feder stammen die Löwenburg, der Mittelteil des Schlosses Wilhelmshöhe und das Aquädukt im Bergpark. Schließlich war er von Kurfürst Wilhelm I. mit dem Bau der Kasseler Chattenburg beauftragt worden. Es sollte das größte deutsche Fürstenschloss werden. Nach einigen Monaten Bauzeit platzte der Traum.

Begleitet von Pauken und Trompeten trat Kurfürst Wilhelm I. am 27. Juni 1820 auf den Kasseler Schlossplatz. Der Fürst feierte dort die Grundsteinlegung für sein neues Residenzschloss: Die Chattenburg – benannt nach dem germanischen Volksstamm, der einst im heutigen Hessen siedelte. Das Schloss sollte an der Stelle des alten Landgrafenschlosses entstehen, das während der Regentschaft von König Jérôme im November 1811 abgebrannt war. Heute steht auf diesem Grund am Kasseler Steinweg das Regierungspräsidium.

Neubau auf den Trümmern

Als Kurfürst Wilhelm I. 1816 nach der Vertreibung der Franzosen aus dem Exil zurück nach Kassel kam, hatte er vor den Trümmern seines Schlosses gestanden. Ein Jahr später sollte mit dem Bau seiner neuen Residenz begonnen werden, 1820 folgte die offizielle Grundsteinlegung. Die Residenz sollte Ausdruck des Größenwahns werden und in Ausmaßen und Ausstattung mit der Wiener Hofburg mithalten können. Mit dem Projekt beauftragte der Kurfürst abermals seinen Oberhofbaudirektor Jussow.

1200 Bauarbeiter begannen damit, den klassizistischen Fürstentraum wahr werden zu lassen. Wilhelm I. wäre gerne „König der Chatten“ geworden, womit das neue Schloss noch einmal eine ganz andere Bedeutung erlangt hätte, sagt Frank Pütz von der Abteilung Bauwesen und Denkmalpflege der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK). Der Titel wurde ihm jedoch auf dem Wiener Kongress verwehrt.

Anfang 1821 standen das Fundament und die Erdgeschossmauern. Dabei sollte es bleiben. Nachdem der Kurfürst im Februar 1821 gestorben war, lag seine Baustelle brach. Nachfolger Kurfürst Wilhelm II. hatte nicht zuletzt aus finanziellen Gründen kein Interesse an der Fortsetzung der Arbeiten. Die Ruine überwucherte mit Gestrüpp und diente den Kasseler Kindern über viele Jahre als Abenteuerspielplatz. Allerlei Legenden woben die Kasseler um die Stätte, deren Keller bis hinab zum Fuldapegel reichten.

Erst 50 Jahre nach dem Tod von Kurfürst Wilhelm I. wurde die Chattenburg-Ruine abgetragen. Die Steine wurden teilweise für den Bau der Neuen Galerie verwendet. Auf dem Bauplatz der Chattenburg wurde schließlich das preußische Regierungs- und Justizgebäude gebaut, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

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