Ansätze zur Behandlung von Rechenschwäche ähneln denen der Sprachförderung

Rechnen mit Hilfsmitteln: Mithilfe eines Abakus lernen Kinder beispielsweise Addition und Subtraktion, später können sie sich dieses Rechenmodell im Kopf vorstellen. Kindern mit einer Rechenschwäche fehlen häufig die Fähigkeitne, sich Gegenstände räumlich vorzustellen und die Bedeutung von Rechenverfahren zu verstehen. Foto: dpa

Kassel. Hängen Sprache und Mathematik zusammen? In gewisser Weise ja. Das sagt Bernd Wollring, Professor für Didaktik der Mathematik an der Universität Kassel. Eine Ursache für Rechenschwäche (Dyskalkulie) ist laut Wollring beispielsweise ein mangelndes Sprachvermögen.

Neben einem muttersprachlichen Problem bei Kindern mit ausländischen Wurzeln gehe es dabei vor allem um ein speziell mathematisches Sprachproblem. „Viele Kinder mit einer Rechenschwäche können beispielsweise Rechenverfahren anwenden, verstehen aber deren Bedeutung nicht“, sagt er.

Der Grund dafür ist häufig, dass Kinder mit einer Dyskalkulie Schwierigkeiten haben, sich Gegenstände räumlich vorzustellen. Wollring: „Die Kinder können sich häufig die Gegenstände zwar vorstellen, diese aber im Kopf nicht bewegen oder verändern.“ Die Ansätze zu einer Rechenschwäche mit dieser Ursache ähneln Wollring zufolge der Sprachförderung in Kindergärten. Dort lernen die Kinder, das, was im Alltag passiert, zu beschreiben und in Worte zu fassen. Dieselbe Idee greift auch bei der Therapie einer Rechenschwäche. Wollring: „Man muss die Kinder von der Handlung zur Sprache führen.“

Bernd Wollring

Ein Beispiel: Ein Kind bekommt drei Euro in Münzen und soll auf 2,80 Euro rausgeben. Durch das Zurechtlegen der Münzen wird ein Kind mit Rechenschwäche dies in der Regel schaffen. Hat eine dritte Person allerdings die Münzen und das Kind soll ihr erklären, was zu tun ist, funktioniert das häufig nicht. Das Kind kann die Handlung nicht in Sprache übersetzen. Therapeuten stehen laut Wollring häufig vor dem Problem, dass eine Therapie der Ursachen in der Regel mehrere Wochen dauert und man unter Umständen im Schulstoff ein bis zwei Schuljahre zurückgehen muss. Andererseits lässt sich das Rechenverfahren lernen, sodass Kinder auch ohne das Verständnis des Rechenweges Aufgaben lösen und so kurzfristig Tests bestehen können. „Unter Umständen kann es zu Konflikten zwischen Therapeuten und Eltern kommen, auf welchem Niveau die Hilfe ansetzt“, sagt Wollring.

Wichtig sei vor einer Therapie eine sorgfältige Diagnose. Um das Problem zu lösen, ist Wollring zufolge eine effiziente Zusammenarbeit zwischen Therapeuten und Schule wichtig. „Optimal ist, wenn sich auf beiden Seiten zwei Experten begegnen“, sagt er.

Häufig sei ein fehlendes Verständnis von Mathe bei Kindern auch auf eine nicht angemessene Vermittlung im Unterricht zurückzuführen. Wollring: „Gerade in Hessen haben wir an den Grundschulen leider einen sehr hohen Anteil fachfremder Pädagogen.“ Hinzu komme, dass viele Kinder aufgrund unterschiedlicher Voraussetzungen eine besondere Zuwendung bräuchten, Lehrer aufgrund fehlender Kapazitäten dies aber nicht leisten könnten.

Von Mirko Konrad

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