Auch Staatstheater macht sich für Club Unten stark

Hat offenen Brief verfasst: Schauspieldramaturg Thomaspeter Goergen.

Kassel. Orte wie das Unten machen Kassel lebendig, schreiben Schauspieler des Staatstheaters in einem offenen Brief. Sie wollen verhindern, dass der Club im Kulturbahnhof dicht machen muss.

Die Betreiber des Clubs Unten im Kasseler Kulturbahnhof bekommen nach der Kündigung durch die Bahn immer mehr Unterstützer. Nun macht sich auch das Staatstheater in einem offenen Brief für den Konzert- und Partyladen stark, der zum 30. Juni schließen muss. Die Bahn hatte den Mietvertrag unter anderem wegen Sicherheitsbedenken gekündigt.

Hat offenen Brief verfasst: Schauspieldramaturg Thomaspeter Goergen.

In dem von Schauspieldramaturg Thomaspeter Goergen verfassten Text fordert das Staatstheater, „gemeinsam für den Erhalt dieses besonderen Ortes einzustehen“. Der Club sei „ein prägender Teil des Kasseler Nachtlebens. Hier treten mitunter DJs und Künstler auf, die sonst nur in den Metropolen ihr Programm zeigen.“

Das Unten „ist ein großer Anlaufpunkt für viele unserer Schauspieler“, sagt Goergen. Für den 42-Jährigen muss sich der Club nicht einmal hinter dem Berliner Berghain verstecken, der gemeinhin als coolster Laden der Republik gilt. Eine Stadt ohne Orte wie das Unten „wäre kalt“, schreibt Goergen: „In diesem Sinne steht das Theater als Teil der sogenannten Hochkultur an der Seite des Clubs als Teil der Subkultur.“

Zuvor hatten sich bereits Gernot Rönz von den Grünen, Frank Thöner vom Verein Kulturbahnhof und die Schülervertretung der Jacob-Grimm-Schule für den Erhalt des Clubs an der einst brachliegenden Nordseite des Bahnhofs stark gemacht. Eine entsprechende Internet-Petition für das Unten haben fast 4000 Menschen unterzeichnet.

Gleichwohl schwindet bei Betreiber Andreas Störmer langsam die Hoffnung, dass es am alten Standort weitergeht. Die Bahn habe bislang keine Gesprächsbereitschaft signalisiert. Mit seinem Kollegen Mathias Jakob vom Verein „Kultur von Unten“ sucht er weiterhin nach alternativen Orten in der Stadt. Goergen und das Staatstheater wiederum appellieren an die Bahn: Durch ein Einlenken könne das ehemalige Staatsunternehmen „an Respekt und Image nur gewinnen“. 

Der offene Brief von Thomaspeter Goergen im Wortlaut

Manche Dinge, die verloren gehen, können nicht wieder ersetzt werden. Dinge, die eine Geschichte haben, an denen Emotionen und Erinnerungen hängen. Und weder Emotionen noch Geschichte können synthetisch hergestellt werden. Es sind deshalb genau diese Dinge, die uns erlauben und ermutigen, unser Leben nicht nur gut verzinst zu leben. Wer nur auf den Mehrwert von Lebenszeit achtet, der geringschätzt die Nacht, in der wir uns erlauben, zu träumen, zu feiern, auch verschwenderisch zu sein, und Zeit einmal nicht als Geld ansehen. Also ist gerade das Nacht-Leben  entscheidend für die Vitalität einer Stadt und für das Lebensgefühl von uns allen.

Der Club Unten ist ein prägender Teil des Kasseler Nacht-Lebens. Er hat einem industriellen Brachland ein menschliches, ein junges Gesicht gegeben. Er hat das Beste aus seinem Ort gemacht. Zugleich liegt der Club nicht schamhaft abgeschieden, quasi vor den Stadtgrenzen, sondern  hinter dem Kulturbahnhof zentral und doch zugleich ideal, um Anwohner nicht zu stören. Hier können also subkulturelle Veranstaltungen mit überregionaler Aufmerksamkeit stattfinden. In der kleinen, aber feinen Location treten mitunter Djs und Künstler der Sub-Kultur auf, die sonst nur in den Metropolen ihr Programm zeigen. Für viele Menschen gerade (aber nicht nur) der jungen Generation ist "Das Unten" feste Größe in ihrem Nachtleben. Kassel darf stolz sein auf den Club Unten.

Um so trauriger und schwer wieder gut zu machen wäre es, wenn Missverständnisse und unnötige Reflexe das Ende dieser "Kultur von Unten" bedeuten würden. Im Dreieck des Eigentümers Bundesbahn, des Hauptmieters "Nachtmeisterei" und der Betreiber des Unten haben sich juristische Misstöne eingeschlichen. Diese sind weder produktiv noch der Bedeutung des Clubs für viele Menschen angemessen. Das Unten immerhin nutzt die Räume im Rahmen seines Mietvertrags und hat darüberhinaus viele Maßnahmen ergriffen, um Eigentümer und Hauptmieter zufriedenzustellen. Dadurch gewährleistet es friedliches und zugleich intensives Feiern. Es hat vieles auf eigene Kosten realisiert und nochmals eigeninitiativ vorgeschlagen, um noch ein noch besseres, alle Seiten zufriedenstellendes Nachtleben zu ermöglichen. Dies wäre fatal für die Attraktivität von Kassel und für die Kasseler Jugend.

Das Staatstheater Kassel und sein Schauspielensemble stehen solidarisch zum Club Unten. Das Theater ist auch ein Ort, wo das Leben keine Zahl ist. Wir wissen alle, was für einen Wert kulturelle Institutionen haben für eine Gesellschaft. Eine Stadt ohne solche Orte, eine Stadt, die nur "funktioniert", wäre kalt. Es wäre paradox: Denn gerade Kassel hat in den letzten Jahren so sehr bewiesen, dass es weiß, wie wichtig es ist, seine Orte des Feierns, der Kunst, der Nacht zu pflegen. In diesem Sinne steht das Theater als Teil der sogenannten "Hochkultur" an der Seite des Clubs Unten als der "Sub-Kultur". Kultur bleibt Kultur, auf einer Bühne oder auf einer Tanzfläche. Jeder kann sich vorstellen, was es für sein Leben bedeutete, nähme man ihm die Orte, an denen er seine freie Zeit auskostet und Energie für den Alltag sammelt.

Also wirbt das Staatstheater Kassel entschieden dafür, diesen Partner im Nacht-Leben zu erhalten. Wir werben dafür, Kündigungen zurückzunehmen und gemeinsam für den Erhalt dieses besonderen Ortes einzustehen. Wäre eine Stadt ohne besondere Orte denn nicht nur eine Art "Nicht-Ort"? Es ist keine Frage der Kosten. Nicht einmal das, und niemand schiebt eine Kostenfrage vor. Wir bitten dringlich, sowohl Bahn als auch Hauptmieter zu bedenken, dass sie durch ein Einlenken an Respekt und Image nur gewinnen können. Umgekehrt durch eine Zerstörung einer Institution wie dem "Unten" nur verlieren würden.

Die größte Verlierer indes wären die Menschen der Stadt Kassel, die auch in der Nacht zu leben wünschen.

Das Schauspiel Kassel kann und will einem solchen Verlust nicht schweigend zusehen. Denn die Kultur, auch die Subkultur, geht uns alle an.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren: Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.