Diskussion um Alt-Oberbürgermeister

Autoren von Studie zur NS-Vergangenheit kritisieren: „Persilschein für Branner“

+

Kassel. „Manipulative“ Methoden und eine „verfälschende“ Darstellung ihrer Forschungsergebnisse, werfen die vier Autoren der Studie zur NS-Vergangenheit der ehemaligen Kasseler Oberbürgermeister dem Magistrat vor.

Dieser wolle dem NS-belasteten ehemaligen Oberbürgermeister Karl Branner einen „späten Persilschein“ ausstellen. In einem Offenen Brief an den Kasseler Magistrat finden die Historiker deutliche Worte. Ihre Kritik richtet sich gegen die Gedenktafel, die nach einem Magistratsbeschluss an der Karl-Branner-Brücke angebracht werden soll. Wie die HNA berichtete, hat sich der Magistrat darauf geeinigt, die Karl-Branner-Brücke trotz der NS-Belastung des Namensgebers nicht umzubenennen. Stattdessen soll eine Gedenktafel angebracht werden, die Branners (1910-1997) Leben und Wirken nachzeichnet. Dieser Text, der sich auch auf die von den Historikern erstellte Studie bezieht, löst nun den Widerstand der Marburger und Kasseler Wissenschafter aus.

 

„70 Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches ist der Text, der nun auf einer Gedenktafel an der Karl-Branner-Brücke zu lesen sein soll, nichts Anderes als ein später Persilschein für Karl Branner“, heißt es in dem Offenen Brief der Wissenschaftler. Und weiter: „Entschieden zur Wehr setzen müssen wir uns aber vor allem gegen den Versuch, uns als wissenschaftliche Kronzeugen für eine politische Entlastung Branners zu instrumentalisieren. Unser Buch atmet an keiner Stelle den Geist jener nachholenden Entnazifizierung, in dem der Text für die Gedenktafel an der Brücke gehalten ist. Vielmehr verkürzt, verdreht und verfälscht der Text des Magistrats die Ergebnisse unserer Forschung.“

Mehr zu Karl Branner finden Sie im Regiowiki.

Die Historiker waren von der Stadt beauftragt worden, eine Studie zur NS-Vergangenheit der ehemaligen Oberbürgermeister Karl Branner, Willi Seidel und Lauritz Lauritzen (alle SPD) zu erarbeiten und hatten diese im Frühjahr 2015 vorgelegt. In dieser waren sie zu dem Schluss gekommen, dass vor allem Karl Branner NS-belastet war, da er seine Doktorarbeit im Jahr 1937 im Sinne der antisemitischen NS-Ideologie verfasst habe und in vielen NS-Organisationen aktiv gewesen war.

Inbesondere stößt den Historikern der für die Gedenktafel aus ihrer Studie entnommene Begriff der „Normalbiographie“ des 20. Jahrhunderts auf. Er werde zur einseitigen Entlastung Karl Branners gebraucht. Mit dem Begriff sei keine Bewertung verbunden. Er bezeichne lediglich eine seinerzeit häufig aufgetretene Wandlung von der NS-Belastung eines Menschen hin zu seiner Demokratisierung. Diese Wandlung relativiere aber in keiner Weise sein Verhalten in der NS-Zeit.

Die „manipulative Verwendung“ von Formulierungen aus der Studie wollen die Forscher keinesfalls akzeptieren.

Die Autoren haben sich noch nicht mit der Frage befasst, ob sie im Zweifel auch jurisitisch gegen die Gedenktafel vorgehen würden.

Das sagt die Stadt 

Auf HNA-Anfrage zum offenen Brief teilt Stadtsprecher Ingo Happel-Emrich Folgendes mit: „Der vom Magistrat beschlossene Text der Gedenktafel zeigt in allen wichtigen Aspekten die Verstrickungen und Verbindungen Branners in das NS-Regime auf. Es gehört gleichwohl zum Gesamtbild der Person Branner, dass er sich nach dem Krieg und im Laufe seines weiteren beruflichen und politischen Lebensweges glaubhaft zu einem Demokraten wandelte. Auf diesen Demokratisierungs-Prozess ist in der Studie ebenfalls verwiesen.“ Zudem verweist der Stadtsprecher darauf, dass der offene Brief im Rathaus noch nicht eingegangen sei.

Offener Brief an den Oberbürgermeister und den Magistrat der Stadt Kassel

"Als sich die Deutschen nach 1945 der Entnazifizierung unterziehen mussten, da legten viele NS-Belastete Bescheinigungen vor, die zu ihrer Entlastung beitragen sollten. Die sog. „Persilscheine“ dienten dazu, Belastete reinzuwaschen, daher der Name, und sie, wenn überhaupt, als bloße Mitläufer des NS-Regimes erscheinen zu lassen. In vielen Fällen zeichneten diese Persilscheine ein falsches und verkürztes Bild, sie verdrehten Zusammenhänge und kaschierten oder verschwiegen belastende Tatsachen.

70 Jahre nach dem Ende des „Dritten Reiches“ ist der Text, der nun auf einer Gedenktafel an der Karl-Branner-Brücke zu lesen sein soll, nichts Anderes als ein später Persilschein für Karl Branner. In einem ganz anderen Sinn, als es nach 1945 gedacht war, soll der ehemalige Kasseler Oberbürgermeister entnazifiziert werden, soll seine NS-Belastung klein geredet, ja zum Verschwinden gebracht werden, obwohl doch an anderem Ort, im Kasseler Rathaus, die Branner-Halle wegen seiner NS-Belastung nicht mehr nach dem langjährigen Stadtoberhaupt heißen soll.

Als Autoren der von der Stadt Kassel in Auftrag gegebenen Studie über die NS-Vergangenheit der drei Nachkriegsoberbürgermeister Seidel, Lauritzen und Branner irritiert uns diese Widersprüchlichkeit. Entschieden zur Wehr setzen – und dies auch öffentlich – müssen wir uns aber vor allem gegen den Versuch, uns als wissenschaftliche Kronzeugen für eine politische Entlastung Branners zu instrumentalisieren. Unser Buch atmet an keiner Stelle den Geist jener nachholenden Entnazifizierung, in dem der Text für die Gedenktafel an der Brücke gehalten ist. Vielmehr verkürzt, verdreht und verfälscht der Text des Magistrats die Ergebnisse unserer Forschung.

So rückt der Text Branner in die Nähe des antinationalsozialistischen Widerstands. Branner hat sich selbst in seinem Entnazifizierungsverfahren so dargestellt. Doch in der Folge des gegen ihn angestrengten Prozesses wegen Wehrkraftzersetzung 1944 war er weder in Haft noch verlor er seinen Offiziersrang.

Branners Doktorarbeit war eine eigenständige wissenschaftliche Leistung des Verfassers, die nicht einfach Vorgaben des Doktorvaters übernahm. Branner stand weder in der Wahl seines Themas und in der Verwendung von Begriffen noch bei der Wahl seines Doktorvaters unter Druck. Niemand zwang ihn, eine Doktorarbeit zu schreiben, niemand drängte ihn, sich einen der rabiatesten Nationalsozialisten der Göttinger Fakultät als Betreuer zu wählen. Warum charakterisiert der Gedenktext Raths „Ansatz“ – welche Verharmlosung! – als rassistisch-antijüdisch und nicht als das, was er eindeutig war: antisemitisch?

Ja, Branner war nach 1945 ein „ehemaliger Nationalsozialist“. Das freilich relativiert nicht seine NS-Belastung. Im Gegenteil: Eine kritische und ehrliche Auseinandersetzung mit Branners Biographie muss beide Lebenshälften einschließen. Die demokratische Wandlung nach 1945 darf den Blick auf die Zeit vor 1945 nicht verstellen. Man kann nicht beide Lebenshälften einfach miteinander verrechnen. Daher verbietet es sich auch, den in unserer Studie verwandten Begriff der „Normalbiographie“ in einseitig entlastender Absicht zu gebrauchen. Wir bezeichnen – nicht: „bewerten“, wie es der Tafeltext insinuiert – die Lebenswege Branners, Seidels und Lauritzens als deutsche „Normalbiographien“ im 20. Jahrhundert, weil zu diesen „Normalbiographien“, wie sie uns flächendeckend begegnen, beides gehört: NS-Belastung und Demokratisierung. Eine Ehrung lässt sich aus dem Verweis auf diese „Normalität“, insbesondere angesichts der uns wichtigen kritischen Bedeutung des Wortes, nicht rechtfertigen.

Dass wissenschaftliche Studien, gerade in geschichts- und erinnerungspolitischen Zusammenhängen, kontrovers diskutiert werden, ist eine Selbstverständlichkeit und Teil unserer pluralistischen Kultur. Nicht jeder muss daher den Interpretationen unserer Untersuchung zustimmen. Die manipulative Verwendung indessen von Formulierungen aus unserem Buch, durch die unsere Befunde und Bewertungen in ihr Gegenteil verkehrt werden, können wir keinesfalls akzeptieren und weisen sie entschieden zurück."

Lesen Sie auch:

- Diskussion um NS-belastete SPD-Ikonen der Nachkriegszeit

- Ehemalige Oberbürgermeister: Sie waren Opportunisten der Nazi-Zeit

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.