Als ein Haus laufen lernte

Kavalierhaus im Bergpark: Vor 200 Jahren über Baumstämme zur Seite gerollt

Stand nicht immer an diesem Standort: Das gerade frisch sanierte Kavalierhaus im Bergpark Wilhelmshöhe wurde 1824 um 20 Meter versetzt. Es sollte in Reih und Glied mit dem Marstall rücken. Fotos: Ludwig

Kassel. Das Kavalierhaus im Bergpark Wilhelmshöhe hat im wahrsten Sinne des Wortes eine bewegte Geschichte: Es stand bereits, als Schloss Wilhelmshöhe noch nicht erbaut war – allerdings an einem anderen Ort.

Das gerade für 400.000 Euro sanierte Gebäude wurde vor knapp 200 Jahren in einer aufsehenerregenden Aktion um gut 20 Meter versetzt. Ein Ereignis, das seinerzeit Schlagzeilen machte.

Angefangen hat die Geschichte des Kavalierhauses ganz bescheiden. Es wurde 1766 in Fachwerkbauweise als Gärtnerhaus errichtet. Erst 20Jahre später wurde mit dem Bau von Schloss Wilhelmshöhe begonnen. Der Hofgärtner lebte aber nur bis 1788 in dem Fachwerkbau, dann wurde er ausquartiert. Denn nach dem Abbruch des alten Jagdschlosses Weißenstein, an dessen Stelle das deutlich repräsentativere Schloss Wilhelmshöhe gebaut wurde, wuchs der Bedarf an Kavalierwohnungen.

So wurde das Gärtnerhaus von Architekt Simon Louis du Ry „inwendig schöner ausgebauet“, wie es in zeitgenössischen Dokumenten nachzulesen ist. Das Kavalierhaus war für Angestellte des Hofes, die fürstliche Leibgarde, hohe Beamte und Gäste bestimmt.

Stehen heute in einer Linie: Der Marstall (rechts) und das Kavalierhaus.

Als die Franzosen 1806 Kurhessen besetzten und Jérôme Bonaparte als König von Westphalen von Kassel aus regierte, brachte er im Kavalierhaus den französischen Gouverneur und Pagen unter. Nach der Niederlage der Franzosen gegen die Russen, kehrte die kurfürstliche Familie aus dem Exil zurück und setzte die Um- und Neubauten auf der Wilhelmshöhe fort. Als Kurfürst Wilhelm II. 1822 den Marstall erbauen ließ, ergab sich für den machtbewussten Monarchen ein Problem: Das Kavalierhaus stand nicht in einer Linie mit dem Neubau, sondern 20 Meter weiter vorne und damit unmittelbar an der heutigen Tulpenallee.

So entschied sich der Kurfürst für ein riskantes Unterfangen. Für dieses meldete sich ein Zimmermeister aus Frielendorf im Schwalm-Eder-Kreis. Unter der Leitung von Oberbaudirektor Johann Conrad Bromeis kam das Projekt im Sommer 1824 ins Rollen.

Das verputze Fachwerkgebäude wurde vom Fundament abgebrochen, und die Backsteine wurden aus den Gefachen genommen. Dann wurde die Konstruktion auf 89 Buchenstämme gesetzt und 20 Meter weiter zum neuen Fundament gerollt. Eine meisterhafte Ingenieurleistung, die sich der Kurfürst 1500 Reichstaler kosten ließ. Am neuen Standort wurde das Kavalierhaus wesentlich repräsentativer ausgestaltet. Denn die Geliebte des Kurfürsten sollte in das Gebäude einziehen.

In der preußischen Zeit diente das Kavalierhaus wieder den Gärtnern. Heute befinden sich dort Büros der Museumslandschaft Hessen-Kassel. Das ursprüngliche Fundament ist erhalten, liegt aber unter der Erde begraben.

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