Grabstätte für Schlossbedienstete und Würdenträger

Vor 200 Jahren wurde am Mulang der kleinste Friedhof Kassels angelegt

Die wenigsten verirren sich hierher: Der Friedhof am Mulang liegt versteckt. Die erste Bestattung fand im Jahr 1817 statt. Im Vordergrund das Grab des Sanitätsrates Moritz Wiederhold, dahinter das Grab von Wasserkunst-Inspektor Karl Steinhofer Fotos: Ludwig

Kassel. Der kleinste Kasseler Friedhof ist so unscheinbar, dass er den wenigsten ins Auge fällt: Am Mulang gibt es seit 200 Jahren eine letzte Ruhestätte.

Sie war lange Zeit nur den Bediensteten von Schloss und Park Wilhelmshöhe vorbehalten. Später wurden dort auch Würdenträger und Menschen bestattet, die sich um Wilhelmshöhe verdient gemacht hatten.

Hinter Hecken und Bäumen ist an der Schlossteichstraße/ Ecke Mulangstraße eine alte Mauer zu sehen. Wer durch das kleine Holztor in der Mauer hindurchgeht, gelangt in einen verwunschenen, verwucherten Friedhof. In der Mauer sind zwei beschriftete Steine eingelassen. Dort ist in römischen Ziffern die Jahreszahl 1820 zu lesen. Auch der Erbauer wird genannt: der erste Kurfürst Wilhelm I. von Hessen-Kassel (1743-1821).

1817 erste Bestattung

Auch ein Kind wurde begraben: Es wurde nicht mal zwei Jahre.

„Der Friedhof ist aber schon ein paar Jahre älter. 1817 soll die erste Bestattung stattgefunden haben. Damals war der Friedhof nur von einer Hecke umgeben“, sagt Siegfried Hoß, Gartenhistoriker der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK). Der Name des Toten sei aber nicht mehr überliefert. Überhaupt sei unklar, wie viele Menschen über die 200 Jahre auf dem Friedhof beerdigt worden seien. Aktuell sind es 78 Gräber, acht Grabsteine tragen aber keine Namen. Die letzte Beerdigung fand vor zehn Jahren statt, als die Witwe des Gewächshausgärtners begraben wurde.

Während in den älteren Gräbern Bedienstete des Fürstenhofes liegen, wurden in den jüngeren vor allem Mitarbeiter der Schloss- und Parkverwaltung beerdigt, die heute MHK heißt: Kaskadenaufseher, Königliche Obergärtner und Schlossoberinspektoren liegen nebeneinander. „Auf dem Friedhof gibt es keine Hierarchien“, sagt Hoß. Als Wilhelmshöhe 1928 eingemeindet wurde, durfte die private Ruhestätte weiter betrieben werden. Sie war allerdings nur für Wilhelmshöher Bürger bestimmt. Erst später wurde die Regel gelockert.

Wer dort begraben liegt

Theologe bestattet: Der Kasseler Theologe Hermann Schafft.

• Zu den prominentesten Personen, die am Mulang begraben wurden, gehört der in Kassel geborene Theologe Hermann Schafft (1 883-1959), der während des Ersten Weltkriegs als Militärseelsorger tätig war. Er geriet mehrfach in französische Gefangenschaft, weil er sterbende Soldaten nicht alleine lassen wollte. Weil er für den christlichen Sozialismus eintrat, war er während der NS-Zeit suspendiert worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er vom US-Militär zum Regierungsdirektor in Kassel ernannt.

• Der Inspektor der Wasserkünste Karl Steinhofer (1747-1829) war einer der ersten, die auf dem Friedhof beerdigt wurden. Er schuf 1793 den Steinhöfer Wasserfall und später den Neuen Wasserfall, der nicht mehr in Betrieb ist. Erst 1908 wurde vom hessischen Geschichtsverein der große Grabstein für den Mann aufgestellt, der zu Lebzeiten als „Wassergott von Wilhelmshöhe“ bezeichnet wurde.

• Auch Persönlichkeiten aus Wilhelmshöhe wurden am Mulang bestattet, darunter der Sanitätsrat Moritz Wiederhold (1849-1906). Er hat am Mulang die „Kuranstalt Dr. Wiederhold“ gegründet, die 120 Kurgästen Platz bot.

Grabstein für den Kaskadenaufseher: Im Vordergrund der Stein eines intakten Grabes. Hinten lehnen ein Kreuz und ein Stein von eingeebneten Gräbern.

• Mit Ernst Virchow (1858-1942) liegt am Mulang einer der prägendsten Hofgärtner von Schloss Wilhelmshöhe begraben. Virchow ist der Sohn von Rudolf Virchow, dem Begründer der modernen Pathologie. Die Pläne, die Ernst Virchow 1908 vom Park fertigen ließ, verwendet die MHK bis heute. An ihnen orientieren sich die Gärtner beim Erhalt der Anlage.

• Auch Paul Dierichs (1901-1996), der ehemalige Verleger unserer Zeitung, wurde am Mulang in Wilhelmshöhe beerdigt. Dierichs war die Förderung der Kunst ein großes Anliegen.

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