Kasselerin erinnert sich

Villenkolonie Mulang: Blick ins Geschichtsbuch

Arbeiten im herrschaftlichen Park: Der junge Otto Korn vor der Villa Piepmeyer, die ab 1936 zum Kurhaus umgebaut wurde. Um die einst größte Parkanlage am Mulang pflegen zu können, hatte Korn mehrere Arbeiter unter sich. Repros: Ludwig

Kassel. Edith Siebrecht (82) wuchs ab 1933 als Tochter eines Herrschaftsgärtners in der Wilhelmshöher Villenkolonie Mulang auf. Dort erlebte sie als kleines Mädchen das Treiben des Kasseler Geldadels hautnah.

Die Familie wohnte zu der Zeit im Gärtnerhaus der Villa Piepmeyer – das größte Anwesen der Kolonie. Damals lernte die kleine Edith auch ihren „Jesus“ kennen. Dahinter verbarg sich ihr Nachbar, der Industrielle Gustav Henkel, der die Herkulesbahn, Wilhelmshöhes erstes Elektrizitätswerk und das erste Hallenbad Kassels gründete.

Lexikonwissen:

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Edith Siebrecht kam 1933 als Tochter von Otto und Anna Korn zur Welt. Ihr Vater hatte eine Anstellung als Herrschaftsgärtner bei Johann Wilhelm Piepmeyer. Der war ein Großkaufmann, der unter anderem die Zeche Roter Stollen im Habichtswald und eine Farm im afrikanischen Windhuk betrieb.

Piepmeyers Grundstück am Mulang umfasste fast den ganzen Block zwischen Kurhausstraße, Schloßteichstraße, Lindenstraße und Brabanter Straße. Ihr Vater habe auch Gewächshäuser auf dem Areal bewirtschaftet, sagt Siebrecht: Dort gab es Orchideen, Weintrauben und Grünpflanzen. Zudem gab es eine weitläufige Parkanlage. Für deren Pflege hatte Otto Korn mehrere Arbeiter, die er führte. „Als Herrschaftsgärtner war mein Vater flott angezogen. Er trug immer weißes Hemd“, erinnert sich die Tochter.

Nachbar der Villa Piepmeyer war der Industrielle Gustav Henkel (1856-1941). „Der war für mich als Kind Jesus. Ein bedächtiger Mann mit langem weißen Bart, Gesundheitslatschen und Lodencape“, erzählt die 82-Jährige. Oft habe dieser in der Christuskirche gesessen und sich Notizen gemacht. „Ein Genie“, sagt sie.

Von wegen Gummistiefel: Herrschaftsgärtner Otto Korn.

Besonders mit dessen Sohn Walter habe sie sich gut verstanden. Dieser erzählte ihr Geschichten von den Söhnen von Kaiser Wilhelm II., mit denen er im Palmenbad seines Vaters badete, wenn die Adelsfamilie im Schloss Wilhelmshöhe weilte. Damals gab ihr Walter Henkel auch eine alte Postkarte des Bades, die sie bis heute aufbewahrt hat.

Als Piepmeyer seine Villa 1936 an die Stadt Kassel verkaufte, die sie zum Kurhaus umwandelte, zog auch die Familie Korn aus. Der Vater wurde nicht mehr als Herrschaftsgärtner benötigt. Die Korns kauften ein Haus an der Hunrodstraße und eröffneten einen Gartenbaubetrieb. Das Haus lag neben Henkels Elektrizitätswerk und dem angegliederten Palmenbad, das aber schon ein paar Jahre nicht mehr als solches genutzt wurde. Stattdessen beherbergte es einen kleinen Dschungel, der um ein Rondell angelegt war, um das Gäste wandeln konnten – die kleine Edith spielte dort mit anderen Kindern aber lieber Fangen.

Als im Zweiten Weltkrieg eine Luftmine das Palmenbad traf, war auch die Existenz der Korns bedroht. Denn durch die Detonation brachen sämtliche Scheiben ihrer benachbarten Gewächshäuser. Erst viele Jahre nach dem Krieg bauten sie den Betrieb Stück für Stück wieder auf.

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