Interview mit der Präsidentin der Bundesarchitektenkammer, Ettinger-Brinckmann

Bauboom in der Stadt: Kasseler sollen zusammenrücken

Höher hinaus: Am Königstor entsteht derzeit ein großes Haus mit Eigentumswohnungen. Der erste Bauabschnitt soll bis nächsten Sommer bezugsfertig sein. Der zweite Bauabschnitt folgt anschließend. Geplant wurde das Projekt vom Architekturbüro ANP. Foto: Ludwig

Kassel. In Kassel wurden 2015 fast 1200 Bauanträge gestellt - im Schnitt also 100 pro Monat. Der Bauboom stößt mancherorts auf Widerstand in der Nachbarschaft.

Über das Thema sprachen wir mit der Kasseler Architektin und Präsidentin der Bundesarchitektenkammer, Barbara Ettinger-Brinckmann.

Die Bautätigkeit ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Hält der Trend an?

Barbara Ettinger-Brinckmann: Kassel will und wird weiter wachsen. Die magische Zahl von 200 000 Einwohnern ist bereits überschritten und dabei ist die Flüchtlingswelle noch nicht mitgerechnet. Wir brauchen sehr viel mehr und vor allem auch bezahlbaren Wohnraum. Wir stehen vor einer Renaissance des sozialen Wohnungsbaus.

Das heißt, die Kasseler müssen enger zusammenrücken?

Ettinger-Brinckmann: Ja. 1910 lag die durchschnittliche Wohnfläche noch bei 10 Quadratmeter pro Kopf, 1960 um die 20 und heute liegt sie bei mehr als 40 Quadratmeter. Und der Anstieg beträgt immer noch jährlich etwa einen Quadratmeter. Das heißt: Jedes Jahr sind 200 000 Quadratmeter Wohnfläche nötig - ohne nur einen zusätzlichen Einwohner.

Was ist die Lösung?

Ettinger-Brinckmann: Flächen auf der grünen Wiese sind in Kassel rar. Zudem will die Bundesregierung mit ihrem Nachhaltigkeitskonzept die Versiegelung von Flächen begrenzen. Zudem muss man sehen, dass ein neues Wohnquartier auf der grünen Wiese ungefähr 25 Mal so viel Infrastrukturkosten verursacht wie die Bebauung einer Baulücke.

Innenentwicklung und Nachverdichtung sind das Gebot der Stunde und ich bin der Meinung, dass das richtig ist. Wenn mehr Menschen näher beieinander leben, dann wird Infrastruktur wie Nahverkehr, Theater, Geschäfte etc. umso lohnenswerter und wir haben die Stadt der kurzen Wege, bei der auch der eine oder andere auf das Auto verzichten kann.

Das geht aber doch zulasten der Grünflächen und sorgt für Ärger in der Nachbarschaft.

Ettinger-Brinckmann: Eine doppelgleisige Innenentwicklung ist nötig, damit es genügend Grünflächen gibt und das Stadtklima nicht negativ beeinträchtigt wird.

Was den Ärger in der Nachbarschaft angeht, gibt es oft unterschiedliche Ansprüche, die sich nicht immer ganz einfach versöhnen lassen. Jedem ist klar, dass bei steigendem Bedarf mehr Wohnraum nötig ist, aber niemand möchte ein neues Haus in der Nachbarschaft. In den USA spricht man von Nimbys, die Kurzform von „Not In My Back Yard“ (zu Deutsch: Nicht in meinem Hinterhof).

Der Stadtbaurat, der für die Entwicklung seiner Stadt zu sorgen hat, braucht aber Bürger, die positiv auf die Bautätigkeit reagieren, er braucht, um es salopp zu sagen, die Bimbys - Build In My Back Yard (Baut in meinem Hinterhof).

Wie ist eine verträgliche Entwicklung möglich?

Ettinger-Brinckmann: Es muss analysiert werden, wo es in der Stadt noch Brachen gibt, die bebaut werden können und welche Gebäude sich für eine Aufstockung eignen. Kassel folgte in seinem Wiederaufbau dem Prinzip der sogenannten Charta von Athen mit ihrer starken Trennung der Funktionen: Hier wird gewohnt, dort gearbeitet und wieder anderswo eingekauft und das Auto verbindet.

Nach dem Krieg sind in der Kasseler Innenstadt Siedlungsbauten mit für eine Großstadt zu geringen Geschosszahlen und erheblichen Abständen entstanden. In den beliebtesten Städten wie Paris und Wien ist alles viel dichter beieinander: Oben wird gewohnt und unten gibt es belebte Erdgeschosszonen. Wir finden das bei uns im Vorderen Westen. Dort lebt man gern und in diese Richtung muss auch die Entwicklung in Kassel wieder gehen.

Tatsächlich ist die Lage in Kassel aber weitaus entspannter als in vielen anderen Städten.

Neben einer zu dichten Bebauung stören sich Anlieger häufig am Ausmaß und Aussehen moderner Gebäude. Das Wort „Stadtvilla“ gilt inzwischen als Schimpfwort.

Ettinger-Brinckmann: Es gibt immer wieder Bauten, die auch ich für misslungen halte. Es ist eine große Herausforderung, Qualität und Ökonomie zu verbinden. Dazu braucht man einen klugen Architekten. Und wir brauchen die Investoren, denn der soziale Wohnungsbau ist fast zum Erliegen gekommen. Aber der Investor muss auch auf seine Kosten kommen und Bauen ist in Deutschland wegen der hohen Standards teuer.

Stadtvillen sind hochwertige Gebäude. Sie entsprechen dem Typus der Villa, werden aber von mehreren Parteien bewohnt. Wenn sie sich gut in das Umfeld einfügen, sind sie eine sinnvolle städtische Bauform.

Aber diese Immobilien sind nur für wohlhabende Mieter und Käufer bezahlbar.

Ettinger-Brinckmann: Das stimmt, aber es gibt einen sogenannten Sickereffekt. Wer in eine Stadtvilla zieht, macht dabei meist günstigeren Wohnraum frei.

Es gibt immer wieder Gerüchte, nach denen Beziehungen ins Bauamt das Bauen in Kassel erleichtern würden.

Ettinger-Brinckmann: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass die Stadtverwaltung keine Vetternwirtschaft betreibt.

Zur Person

Barbara Ettinger-Brinckmann (65) ist Dipl.-Ing. Architektin mit einem Büro in Kassel (ANP Architektur- und Planungsgesellschaft mbH). Seit 2013 ist sie Präsidentin der Bundesarchitektenkammer. Die aus dem Rheinland stammende Frau hat ihr Architekturstudium in Stuttgart absolviert und arbeitet seit 1980 als selbstständige Architektin. Das Büro ANP führt sie seit 1994 mit Michael Bergholter. 2016 kamen drei weitere geschäftsführende Gesellschafter hinzu. Im Ehrenamt ist sie Vorsitzende des Kasseler Architekturzentrums (KAZ) im Kulturbahnhof. Die Kasselerin ist verheiratet, hat eine erwachsene Tochter und lebt in Kirchditmold.

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