Beschleunigtes Verfahren am Amtsgericht Kassel

Gerichtsurteil ein Tag nach der Tat: Schnelle Strafe für Dieb

Kassel. Beim Diebstahl eines Parfüms der Marke Chanel im Wert von 99 Euro wurde der 21-jährige Mann aus Rumänien am Mittwoch um 15.40 Uhr erwischt. Keine 24 Stunden später war er bereits verurteilt.

Nämlich am Donnerstag um 15.30 Uhr. Richter Matthias Grund verurteilte den jungen Mann vor dem Kasseler Amtsgericht wegen einfachen Diebstahls zu 90 Tagessätzen á zehn Euro (also insgesamt 900 Euro) Geldstrafe. Das geschah in einem sogenannten beschleunigten Verfahren.

Solch ein Verfahren eigne sich bei einfachen Sachverhalten. Bei Fällen, bei denen die Angeklagten auf frischer Tat ertappt wurden und geständig seien, sagt Grund, der auch Sprecher des Amtsgerichts ist.

Matthias Grund

Das beschleunigte Verfahren habe sich in diesem Fall auch angeboten, da der 21-Jährige in „unklaren Wohnverhältnissen“ in Deutschland lebt. Er hatte angegeben, bei einem Freund in Essen unterzukommen. Solch ein schnelles Urteil solle dem Angeklagten auch deutlich machen, dass er in Deutschland keine Straftaten begehen dürfe. Am Amtsgericht Kassel gebe es derzeit 40 Verfahren dieser Art im Jahr, sagt Grund. Die Tendenz sei aber steigend.

„Ich setze hier ein klares Signal. An dieser Stelle ist Schluss mit dem Klauen. Beim nächsten Richter werden Sie zu einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt“, sagte Grund zu dem jungen Mann am Ende der Verhandlung, die nicht mal eine dreiviertel Stunde gedauert hatte.

Für den 21-Jährigen sprach, dass er den Diebstahl eingeräumt und bislang noch keine Eintragungen im Bundeszentralregister hatte. Ein unbeschriebenes Blatt scheint er dennoch nicht zu sein. Es laufe ein Verfahren, weil er im April in Offenbach Babynahrung im Wert von 239,20 Euro gestohlen haben soll, sagte Grund. Zudem erzählt der Angeklagte vor Gericht, dass er erst vor fünf Tagen in Frankfurt aus der Untersuchungshaft entlassen worden sei. Dort habe er über einen Monat gesessen, weil er fünf Flacons Parfüm gestohlen habe. Die seien aber für seine Schwester und Mutter gedacht gewesen, bekräftigte der Rumäne.

Auch im Kasseler Fall legte der Mann, der als Beruf Gärtner angab, großen Wert darauf, dass er das Parfüm für den eigenen Gebrauch gestohlen habe und es nicht verkaufen wollte. Im zweiten Fall würde es sich um einen gewerbsmäßigen Diebstahl handeln, der härter als ein einfacher Diebstahl sanktioniert wird. Der Rumäne erzählte, dass er in der Parfümerie unterwegs gewesen wäre, während seine „Kollegen“ (so übersetzte es die Dolmetscherin) in einem anderen Laden Telefonkarten „besorgen“ wollten. Dabei habe er den Duft entdeckt und an einer Probe gerochen, die ihm sehr gut gefallen habe. „Ich hatte nicht vor, das Parfüm zu klauen. Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist.“ Geld, um es zu bezahlen, habe er nicht dabei gehabt.

Apropos Geld - der Angeklagte fragte, ob er die 900 Euro gleich im Gericht bezahlen könne. In diesem Fall würde er seine „Kollegen“ anrufen, die das für ihn erledigten.

Beschleunigte Verfahren

Ein beschleunigtes Verfahren dient dazu, Sachverhalte mit einer einfachen Beweislage schnell und effektiv zu verhandeln. Die Strafe soll dabei der Tat gewissermaßen auf dem Fuße folgen. Den Antrag auf ein beschleunigtes Verfahrens stellt die Staatsanwaltschaft beim Strafrichter am Amtsgericht, wenn die Sache aufgrund des einfachen Sachverhalts oder der klaren Beweislage zur sofortigen Verhandlung geeignet ist. Im beschleunigten Verfahren findet eine Entscheidung über die Eröffnung des Hauptverfahrens nicht statt. Statt einer schriftlichen Anklage kann die Staatsanwaltschaft die Anklage auch mündlich zu Protokoll der Hauptverhandlung erheben. Die Hauptverhandlung erfolgt in der Regel spätestens sechs Wochen nach Eingang des Antrages bei Gericht. Eine höhere Strafe als Freiheitsstrafe von einem Jahr darf vom Gericht nicht verhängt werden.

Rubriklistenbild: © dpa

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