Jungbrunnen für defekte Motoren

Wie VW in Kassel jedes Jahr zehntausende Aggregate wieder fit macht

Baut in der Aggregate-Aufbereitung die Motoren wieder zusammen: Francisco Lopez. Fotos: Schachtschneider

Kassel. In Reih und Glied kommen die an einem Endlosband aufgehängten Motoren herangefahren und werden auf Prüfständen auf Herz und Nieren geprüft.

Nur wer diesen Test in der Aggregate-Aufbereitung von Volkswagen in einem Gebäude des früheren AEG-Werks an der Lilienthalstraße besteht, darf das Gelände in Richtung Original Teile Center (OTC) in Baunatal verlassen, das die aufgearbeiteten Motoren, Getriebe und Zylinderköpfe an den Endkunden weiterreicht.

Die Aggregate-Aufbereitung ist ein Exot. Kein anderer deutscher Autobauer gibt sich die Mühe, alte Motoren und Getriebe wieder fit zu machen. Wer ein Produkt aus der Lilienthalstraße kauft, zahlt gegenüber einem neuen nur die Hälfte, hat aber quasi ein neuwertiges Aggregat mit demselben Garantieumfang.

Darüber freuen sich nicht nur Fahrer von VW-Young- und Oldtimern, denen der Wolfsburger Autobauer 15 Jahre lang nach Produktionsende des jeweiligen Aggregats Ersatz garantiert. Auch Vielfahrer, die nach entsprechender Laufleistung einen neuen Antrieb brauchen, setzen auf die preiswerte Alternative zu nagelneuen Antriebssträngen. Außerdem landen in der Serienproduktion ausgelaufene Getriebe- und Motorentypen in der Lilienthalstraße, wo sie bei Bedarf auf flexiblen Anlagen in kleinen Stückzahlen weitergefertigt werden.

Baut in der Lilienthalstraße Getriebe: Christian Pressler.

„Wir bauen in unserer Manufaktur auf Wunsch einen einzigen Motor“, sagt Produktionsleiter Stefan Käse. Dazu bediene man sich alter Motoren, die durch Neuteile ergänzt würden.

Aber bis zur Ausgangsprüfung ist es ein langer Weg. Zunächst nehmen die Mitarbeiter die Aggregate komplett auseinander und reinigen sie. Danach wird jedes einzelne Teil von Fachleuten begutachtet. Unbeschädigte Komponenten werden wiederverwendet, schadhafte durch neue oder solche aus Lagerbeständen ersetzt - 30 000 Motoren, 20 000 Schalt- und 16 000 Automatikgetriebe sowie 25 000 Zylinderköpfe arbeiten die 450 Beschäftigten jährlich auf.

Die Vielfalt ist gewaltig: 600 Motorentypen sowie 800 Getriebevarianten kennen die Aggregate-Profis, die in speziellen Schulungsprogrammen an jedem Typ ausgebildet werden. In eigens eingerichteten Werkstätten werden Motoren und Getriebe probeweise zerlegt und wieder montiert, damit später in der Fertigung jeder Handgriff sitzt.

Jeder Mitarbeiter ist in der Lage, einen Motor oder ein Getriebe allein zu montieren. Das erhöht die Flexibilität des Werks und fördert die Motivation, weil die Beschäftigten das Produkt von Anfang bis zum Ende begleiten.

Mit ihrer Arbeit helfen die VW-Werker in der Lilienthalstraße aber nicht nur den Kunden, sondern auch den Kollegen in den Getriebe- und Motorenwerken weltweit. Denn die Aufbereiter sammeln jede Menge wichtiger Daten, dokumentieren akribisch konstruktive Schwachstellen und besonders intensive Verschleißteile und melden dies an Entwickler und Fertiger, die das Produkt gezielt verbessern.

Hintergrund: Von Wolfsburg über Baunatal nach Kassel

Die Aggregate-Aufbereitung ist die Keimzelle des Volkswagen-Werks Kassel in Baunatal. 1958 verlagerte der Konzern diesen Bereich von Wolfsburg in die alten Henschel-Hallen nach Baunatal, um am Firmensitz Platz für den stark und schnell wachsenden Autobau zu schaffen.

Vor zehn Jahren schließlich zog die Aggregate-Aufbereitung wieder um, diesmal an die Lilienthalstraße in Kassel. Dort fand der Bereich reichlich Platz vor und hat die Produktion im Laufe der Jahre optimiert und auf den neuesten Stand gebracht.

Während bei der Aufarbeitung von Motoren die Handarbeit dominiert, wird der Getriebebereich, der stark an die Fertigung in Baunatal erinnert, in weiten Teilen von aufwendiger Technik beherrscht. Das liegt vor allem an der zunehmenden Präzision von modernen Automatikgetrieben und an den hohen Hygienestandards in der Montage.

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