Neue Stolpersteine: Von den Eigentümern des Messinghofs überlebte nur Tochter Marion 

Das Foto aus dem Privatbesitz eines Lieberg-Nachfahren zeigt den Messinghof und dort produzierte Kupferkessel um das Jahr 1900. Fotos: nh

Kassel. Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig sind den Opfern des NS-Regimes gewidmet. Am Dienstag, 17. Mai, werden in Kassel weitere 28 Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an die Schicksale von Kasseler Bürgern, die Opfer der Nazis wurden.

Lieberg, dieser Name ist untrennbar mit dem Messinghof in Bettenhausen verbunden. Die Familie wurde von den Nazis drangsaliert und in Vernichtungslager deportiert. Der aus dem Wolfhager Land stammende Wolf Lieberg hatte den Messinghof 1869 gekauft. In dem 1679 von Landgraf Carl errichteten Industriebetrieb, der Kupfer und Messing verarbeitete, war unter anderem Kassels Wahrzeichen, der Herkules, gefertigt worden

Nach Wolf Lieberg übernahmen seine Söhne Carl und Moritz das Unternehmen und 1927 – zu der Zeit arbeiteten dort 140 Menschen – wurde sein Enkel Wilhelm Geschäftsführer. Der Messinghof war ein wichtiger Zulieferer für die Fahrradindustrie. Das Markenzeichen der „Metallwerke Lieberg & Co. GmbH Kassel-Betenhausen“ war jedoch ein nahtloser Kupferkessel.

Wilhelm Lieberg war 1893 geboren. 1922 heiratete er die 1898 in Berlin geborene Hertha Hersch. 1924 kam Tochter Marion zur Welt. Die Familie lebte in ihrem Haus, Lessingstraße 18, danach zog sie an die Kölnische Straße 65. Im Mai 1933 kam dort Sohn Ralf Michael zur Welt.

Früh hatten die Nazis die Metallwerke Lieberg und ihre Eigentümer ins Visier genommen: Wilhelm Lieberg wurde im Zuge des Novemberpogroms 1938 wie 250 weitere jüdische Männer aus der Region in Buchenwald inhaftiert. Der letzte Gesellschafter der Metallwerke, Kurt Kaufmann, wurde zu einem Verkauf des Unternehmens weit unter Wert gezwungen. Die anderen Mitgesellschafter emigrierten. Die meisten Angehörigen der weit verzweigten Familie Lieberg flohen ins Ausland.

Tochter Marion, ein begabtes Mädchen, das ein tänzerisches Talent besaß, konnten die Liebergs nach dem Schock der Novemberpogrome, der Festnahme des Vaters und der Enteignung der Familie im Mai 1939 mit einem Kindertransport nach England retten. Sie sollten ihre Tochter nie wiedersehen. Der zurückgebliebenen Familie blieben nur Fotos von Marion. Hertha, Ralf und Wilhelm Lieberg gehörten zu den über 500 Menschen aus der Region Kassel, darunter etwa 100 aus Kassel, die am 1. Juni 1942 mit einem Sonderzug vom Hauptbahnhof in den Osten deportiert wurden. Der Zug erreichte zunächst Lublin, wo 100 arbeitsfähige Männer, darunter Wilhelm Lieberg, aus dem Zug geprügelt und in das KZ Majdanek gebracht wurden. Wilhelms Tod wurde dort am 8. September 1942 registriert.

Hertha und Sohn Ralf kamen am 3. Juni 1942 im Vernichtungslager Sobibor an. Wenige Stunden später wurden sie dort wie alle Deportierten vergast.

Marion heiratete 1946 in England einen US-Amerikaner und ging später mit ihm in die Vereinigten Staaten, um dort zu leben.

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