„Die Stadt darf das nicht“

Salzmann-Eigentümer Rossing will juristisch gegen Stadt vorgehen

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Industriedenkmal alte Salzmann-Fabrik in Bettenhausen: Die Stadt will das durch Vandalismus und Metalldiebe beschädigte Baudenkmal für 100 000 Euro gegen weiteren Verfall sichern, Eigentümer Dennis Rossing will das verhindern.

Kassel. Salzmann-Eigentümer Dennis Rossing hat seine Anwälte bereits in Marsch gesetzt, um gegen die von der Stadt beabsichtigte Sicherung des Baudenkmals juristisch vorzugehen.

„Die Stadt darf das nicht machen“, ist der Projektentwickler aus Bad Hersfeld überzeugt.

Dennis Rossing

Er suche weiter nach einer ertragsfähigen neuen Nutzung für das insgesamt 37.000 Quadratmeter große Areal an der Sandershäuser Straße, um das Industriedenkmal zu sichern, sagt Rossing. Im August 2015 war der geplante Neubau von 450 Wohnungen auf dem Gelände endgültig gescheitert. Investor Uwe Birk (BHB Bauwert Holding) hatte aufgegeben, weil er Klagen von benachbarten Gewerbebetrieben gegen die Wohnbebauung fürchtete. Auch aus dem geplanten großen Einkaufszentrum, einer Veranstaltungsarena für 9000 Zuschauer und einem Behördenzentrum ist nichts geworden. Auch die Idee, eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge auf dem Salzmann-Gelände zu errichten, lehnt die Stadt ab.

„In Kassel wird nur gemauert“, sagt Rossing nach fünf gescheiterten Vorhaben. Und kündigt an, dass er weiter versuche, Salzmann zu einem Zentrum für Handel, Kultur und Dienstleistung zu entwickeln.

Mit dieser Idee war der Investor aus Bad Hersfeld im Jahr 2003 in Kassel angetreten. Anfangs gab es dafür viel Zustimmung aus der Kommunalpolitik.

Doch dann entschied das Stadtparlament mit großer Mehrheit gegen ein Einkaufszentrum in Bettenhausen, um die Kasseler Innenstadt vor unliebsamer Konkurrenz zu schützen.

Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) hatte im Jahr 2005 die OB-Wahl auch mit Unterstützung des Vorsitzenden der City-Kaufleute, Gerhard Jochinger, gewonnen. Im Jahr 2006 war dann der Plan, auf dem Salzmann-Areal ein Stadtteilzentrum für Handel und Kultur mit 15.000 Quadratmetern Verkaufsfläche zu errichten, endgültig gescheitert.

FDP fordert: Hände weg von Salzmann

Kassel. „Hände weg von Salzmann“ fordert die FDP-Rathausfraktion. Eine Sicherung des Industriedenkmals in Bettenhausen durch die Stadt, die dafür Kosten von rund 100 000 Euro vorfinanzieren müsste, lehnt Fraktionschef Frank Oberbrunner ab.

Es sei offensichtlich dem Kommunalwahlkampf geschuldet, dass Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) „mit skrupelloser Leichtfertigkeit Steuergeld verschwendet und als politischer Wiederholungstäter vorspiegelt, eine Industrieruine retten zu können“. Der Magistrat gebe aus wahltaktischen Gründen dem Druck der Demonstranten in der jüngsten Stadtverordnetenversammlung nach.

Offensichtlich hätten sich der Oberbürgermeister und Kassels Stadtbaurat Christof Nolda (Grüne) den Gesprächspartnern aus dem Kreis der Demonstranten gegenüber verpflichtet, „Aktionismus vorzugaukeln, um sich so als Retter von Kunst, Kultur, Kommerz und Kasseler Osten darzustellen“.

Die FDP warne den Magistrat seit Jahren, sich mit Grundstückseigentümer Dennis Rossing einzulassen, „der die Seriosität eines ordentlichen Kaufmanns vermissen lässt“. Angesichts der städtischen Schulden von rund 485 Millionen Euro sei es „verantwortungslos, weitere 100.000 Euro in ein Fass ohne Boden zu stecken“, kritisiert Oberbrunner.

Hintergrund: Diese Arbeiten will die Stadt erledigt sehen

• An vielen Fenstern sind die Scheiben zerbrochen oder fehlen vollständig (Nord-, Süd- und Westseite) • Stellenweise sind Türen vollständig ausgebaut (Nord- und Südseite) • Scheiben der Dachverglasung sind zerbrochen (südlicher Dachbereich) • An der Südseite befinden sich offene Mauerwerksdurchbrüche. • Im Traufbereich des Daches wachsen Birken aus dem Mauerwerk (Nordseite).

Unterstützer: Rathaus wird endlich aktiv

Arbeitsgruppe Salzmann-Forum freut sich über die geplante Sicherung des Gebäudes

Endlich werde die Stadt tätig: Die Arbeitsgruppe Salzmann-Forum, ein Zusammenschluss von Engagierten für den Erhalt des Kulturdenkmals, ist froh über die jüngsten Nachrichten. „Der Prozess hat zwar lange gedauert, aber nun freuen wir uns über die aktive Rolle der Stadt bei der Sicherung von Salzmann“, sagte Ingrid Lübke vom Salzmann-Forum. Um das Gebäude vor dem weiteren Verfall zu schützen, müsse die Stadt nun Druck auf den Eigentümer Dennis Rossing aufbauen. Über Parteigrenzen hinweg müsse agiert werden.

Es sei im Interesse der Allgemeinheit, dass ein so bedeutendes Kulturdenkmal geschützt werde, sagt die emeritierte Professorin für Stadtplanung. Rossing habe vielfach beteuert, er wolle Salzmann erhalten, getan habe er es nicht. „Ein Gebäude dem Verfall preiszugeben, ist ein Weg, den sonst nur Bauspekulanten gehen“, so Lübke. Insofern sei es gut, dass die Stadt nun die Reparaturarbeiten beauftrage und mit dem Mittel der Ersatzvornahme Rossing in Rechnung stelle. „Die Ersatzvornahme ist ein sensibles juristisches Verfahren, aber es gibt viele Beispiele dafür, dass diese durchgesetzt werden kann. Der juristische Weg ist der einzige“, so Lübke. Oliver Leuer vom Salzmann-Forum ergänzt: „Rossing ist kein zuverlässiger Partner.“

In einem zweiten Schritt seien mutige Investoren nötig, die Salzmann entwickeln. Die Stadt sei in der Pflicht, solche Investoren zu suchen. Zuvor müssten aber weitere Ideen für ein künftiges Nutzungskonzept erarbeitet werden. „Klar ist, dass eine Entwicklung nur möglich ist, wenn die Freiflächen hinter dem historischen Gebäude bebaut werden“, sagt Lübke.

Salzmann sei aber nicht das einzige Areal in Kassel, das vom Verfall bedroht ist. Ähnliches drohe dem Hallenbad Ost, den Henschel-Hallen in Rothenditmold und dem noch bestehenden Gebäude der Haferkakaofabrik. Es sei Aufgabe der neuen Stadtverordnetenversammlung, innovative Konzepte und Strategien zu entwickeln.

Archivvideo: Blick in die alte Salzmann-Fabrik

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