Salzmann: Reparaturen dringend nötig

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Kassel. Türen sind kaputt, Fensterscheiben und die Verglasung auf dem Dach zerstört, aus dem Mauerwerk wachsen bereits kleine Birken – das Baudenkmal Salzmann Fabrik an der Sandershäuser Straße im Stadtteil Bettenhausen ist hochgradig gefährdet.

Zu diesem Schluss kommt das Kasseler Verwaltungsgericht. Daher der Beschluss, nach dem die von der Stadt Kassel vom Eigentümer Dennis Rossing verlangten Baumaßnahmen zur Sicherung des Gebäudes nicht zu beanstanden seien. Rossing blitzte damit mit seinem Antrag auf Gewährung von Rechtsschutz gegen die Anordnung der Stadt ab.

Lexikonwissen:

Salzmann im Regiowiki

Notreparaturen, damit nicht Regen und Schnee im Winter eindringen, sind nach Überzeugung des Gerichts dem Eigentümer zuzumuten. Generell, sagt das Gericht, sei die wirtschaftliche Zumutbarkeit einer Sanierung im Vergleich zu den Investitionskosten und den künftigen Erträgen bei einer Nutzung zu beurteilen. Rossing habe aber versäumt, genau darzustellen, warum die Salzmann-Fabrik wirtschaftlich nicht nutzbar sein soll. So habe Rossing etwa keine Kostenvoranschläge von Handwerkern eingereicht und auch die Vermögensverhältnisse seiner Firma nicht offengelegt.

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Des Weiteren schreibt das Verwaltungsgericht Rossing ins Buch, dass er für den Verfall der Gebäudesubstanz schließlich selbst verantwortlich sei. Noch im Jahr 2011 sei der Gebäudekomplex weitgehend in Ordnung gewesen, es sei damals noch kein Regenwasser oder Schnee ungehindert eingedrungen. Was Rossing jetzt machen müsse, seien ausschließlich Notreparaturen, die lediglich die gefährdeten Ziegelbauten grundsätzlich erhalten sollen. Das Argument Rossings, die Stadt Kassel habe jahrelang nichts getan und das Gebäude verfallen lassen, ziehe nicht, urteilt das Verwaltungsgericht. Die Stadt habe sich ab Januar 2014 mehrfach an Rossing gewandt und ihn aufgefordert, etwas für den Erhalt des Gebäudes zu tun. Bis Dezember 2015 habe die Stadt auf eine förmliche Anordnung nur auf Bitten Rossings verzichtet, weil der Salzmann verkaufen wollte. Das Gericht betont abschließend, dass es auch ohne eine Anordnung die Pflicht des Eigentümers sei, ein Kulturdenkmal zu erhalten.

Rossing behält sich Rechtsmittel gegen den aktuellen Gerichtsbeschluss vor. Weil die Gebäude seit fünf Jahren leer stünden, hält er „nicht einen Euro“ Sicherungskosten für wirtschaftlich zumutbar. Gegenüber der HNA bekräftigt der Salzmann-Eigentümer, die Immobilie verkaufen zu wollen. Er sei mit zwei Interessenten im Gespräch. Auch an die Stadt Kassel richtet Rossing ein Kaufangebot, „über den Preis werden wir uns schon einig“. Seit mehr als zehn Jahren wolle er auf dem Grundstück bauen, sei aber mit allen Vorhaben gescheitert. Jetzt sieht Rossing die Stadt gefordert, klar zu benennen, was auf dem Grundstück in Bettenhausen gewünscht und dann auch genehmigt werde.

Chronik der Bauvorhaben auf dem Salzmann-Gelände

Die Weberei Salzmann wurde im Jahr 1876 gegründet, die Anfänge der Produktion lagen damals in Melsungen. 1890 standen die ersten Webstühle in Bettenhausen. Das Unternehmen, das vor allem Zelte und Zubehör produzierte, wuchs schnell: Bereits 1909 umfasste es sieben Fabriken mit 3500 Beschäftigten. Zeitweise arbeiteten bis zu 5000 Menschen bei „Salzmann & Comp.“ in Bettenhausen. Das Unternehmen blühte bis zum Zweiten Weltkrieg, danach ging es bergab. 1971 schlossen sich die Tore der Textilfabrik an der Sandershäuser Straße endgültig. Die Kulturfabrik Salzmann wurde dort im Jahr 1987 zur documenta 8 eingerichtet.

Handelszentrum Im Jahr 2003 wollte der heutige Eigentümer und Projektentwickler Dennis Rossing von der Bad Hersfelder Rosco-Gruppe die denkmalgeschützten Gebäude aus dem Dornröschenschlaf wecken und zu einem Kultur- und Handelszentrum umbauen. Anfänglich gab es dafür große Zustimmung. Doch die Innenstadt-Kaufleute fürchteten unliebsame Konkurrenz eines großen Einkaufszentrums in Bettenhausen. 2006 erteilte die Stadt deshalb dem Vorhaben endgültig eine Absage.

Veranstaltungsarena Im Jahr 2007 wollte Rossing eine große Veranstaltungsarena für Sport, Konzerte und Kultur mit Platz für 9000 Zuschauer auf dem Salzmann-Areal bauen. Dort sollten auch die Kassel Huskies erstklassiges Eishockey spielen. Doch die Huskies flogen im Jahr 2010 aus der Deutschen Eishockey-Liga DEL. Damit war die große Arena mangels eines Hauptnutzers endgültig gescheitert. Technisches Rathaus Im Jahr 2011 plante Rossing im dritten Versuch gemeinsam mit der Stadt ein Behörden- und Dienstleistungszentrum, um das Industriedenkmal vor dem endgültigen Verfall zu bewahren. Die Stadtverwaltung wollte dort in einem Technischen Rathaus die Ämter des Dezernats für Verkehr, Umwelt, Stadtentwicklung und Bauen unter einem Dach vereinen. Im Frühjahr 2012 bekamen die Mieter in den Salzmann-Gebäuden Kündigungen. Seit Ende 2012 stehen die Ziegelbauten leer und wurden seitdem durch Vandalismus und Metalldiebe schwer beschädigt. 2013 sprang die HUK-Coburg als künftiger zweiter Hauptmieter wegen der ständigen Verzögerungen ab. Am 29. April 2013 trat Rossing vom Mietvertrag für das Technische Rathaus zurück. Damit war das dritte Salzmann-Projekt gescheitert.

Wohnungsbau Neue Hoffnung gab es im Juni 2014. Rossing verkaufte die Immobilie an die Wiesbadener BHB Bauwert Holding. Das Unternehmen wollte auf dem Gelände insgesamt 450 Wohnungen bauen, einen Teil davon in den alten Fabrik-Gebäuden. Doch im August 2015 trat BHB-Chef Uwe Birk vom Kaufvertrag zurück. Begründung: Die Gebäude seien mittlerweile zu stark verfallen, es gebe Einwendungen der gewerblichen Nachbarn gegen die geplante Wohnbebauung, außerdem habe Rossing Bauschutt nicht abtransportiert. Insgesamt seien die Risiken zu groß geworden. Aus den geplanten 450 Wohnungen auf dem Gelände wurde nichts. Das vierte Projekt auf dem Salzmann-Areal war gescheitert. Das Gelände bleibt weiterhin ein Trümmerhaufen.

Factory - Rundgang durch die Bauruine Salzmann 

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