Tat mit ungeladener Gaspistole

Bewährung für Bankräuber - 28-jähriger Kasseler überzeugt Gericht mit tiefer Reue

Kassel. Dass ein Bankräuber einen Kasseler Gerichtssaal mit einer Bewährungsstrafe verlässt, kommt auch nicht alle Tage vor.

Dieses seltene Glück widerfuhr am Donnerstag einem 28-jährigen Mann aus Kassel, der von der 5. Strafkammer des Landgerichts zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren zur Bewährung verurteilt wurde.

Der Mann hatte gestanden, am 2. September 2015 die Sparkassen-Filiale an der Hunrodstraße in Wilhelmshöhe überfallen zu haben. Zwei Angestellte und den Filialleiter bedrohte er mit einer ungeladenen Gaspistole, die wie eine scharfe Waffe wirkte und die Mitarbeiter in Angst und Schrecken versetzte.

Dass er trotzdem nicht in den Knast muss, liegt wohl auch in der Persönlichkeit des Mannes und dem Fehlen jeglichen kriminellen Vorlebens begründet. Sein dilettantisches Vorgehen bezeichnete Staatsanwalt Dr. Christopher Roth als „spontanes Momentversagen“. Freundin weg, Job weg, alle Gedanken kreisen um Drogen und Geld. Um die 900 Euro Arbeitslosengeld zu beantragen oder den ihm gestern zur Seite stehenden Vater um Geld zu bitten, ist bei dem Fachabiturienten mit abgeschlossener Berufsausbildung die Scham zu groß.

Als er die Miete für seine WG nicht aufbringen konnte, holte er aus dem Zimmer eines Mitbewohners die Gaspistole und rang sich zum Überfall durch. Doch der Safe war mit Zeitschloss gesichert, der Filialleiter, der gerade seinen vierten Überfall erlebt, konnte die brenzlige Lage entspannen und bot ihm das Münzgeld an.

Doch 1700 Euro waren zu schwer für die mitgebrachte Papiertüte, eine Bankangestellt half mit einem Einkaufsbeutel aus. Um das Geld einzupacken, legte der Räuber die Pistole zur Seite. Mit den Worten: „Vielen Dank für Ihre Mitarbeit und einen schönen Tag noch“, verließ er die Bank.

Draußen wirft er erst mal 400 Euro in Centstücken und die Pistole in die Drusel. Zu schwer. Als er am nächsten Tag versucht, 600 Euro Münzgeld in einer Spielothek im Bahnhof Wilhelmshöhe in Scheine zu tauschen, wird er von der Polizei festgenommen - und gesteht erleichtert alles.

Richter Jürgen Stanoschek, der Gewohnheitskriminielle schon mal mit harter Hand anpackt, übt sich bei dem jungen Mann eher als strenger Erzieher. : „Es ist nicht Aufgabe des deutschen Strafrechts, einen Angeklagten so zu bestrafen, dass es seiner Vernichtung gleichkommt“, sagt er. Die Kammer beließ es bei der Bewährung und 1000 Euro für den Kinderschutzbund Kassel.

Eine rührende Szene beendet den ungewöhnlichen Prozess: Die 25-jährige Bankangestellte, die seit dem Überfall bei jedem Kunden mit Kapuze und Sonnenbrille vor Angst zittert, ergreift unter Tränen die zur Entschuldigung ausgestreckte Hand des Angeklagten. Vielleicht für beide ein Schritt, die Folgen eines Traumas abzuschütteln.

Rubriklistenbild: © dpa

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