Interview mit der Psychologin

Bild von jungen Flüchtlingen im Berliner Museum - Was Zeichnungen aussagen

Herzergreifend: Dieses Bild hat Setare (6) aus Afghanistan gemalt, die im Flüchtlingsheim Park Schönfeld lebt. Es wurde im „Café Zuflucht“ in der Südstadt ausgestellt. Links im Bild ist die afghanische Flagge zu sehen, rechts die deutsche. „Das Kind verbindet mit Deutschland viel Hoffnung“, deutet die Kinderpsychiaterin die Zeichnung. Repro: Koch

Kassel. Ein Kinderbild aus der Flüchtlingsunterkunft in Landesfeuerwehrschule ist ins Historische Museum in Berlin eingezogen. Es zeigt eindrücklich, wie Kinder die Flucht erleben.

Wir sprachen darüber mit einer Kasseler Kinderpsychiaterin.

Kinder können ihre Gefühle oft noch nicht klar äußern. Aber ihre Bilder sprechen mitunter Bände: Das zeigen auch Zeichnungen von Flüchtlingskindern aus Kassel. Ein Gespräch mit der Kinder- und Jugendpsychiaterin Dr. Petra Koellreutter-Strothmann, die sich im Arbeitskreis Flüchtlinge des Alexander-Mitscherlich-Instituts engagiert.

Was haben Sie gedacht, als sie das auf einem Seitenteil des Betts gemalte Bild gesehen haben? 

Dr. Petra Koellreutter-Strothmann: Ich war sehr angerührt. Das Bild ist wahnsinnig ausdrucksstark. Wer der oder die Künstler waren, weiß man nicht - vielleicht waren es auch zwei Kinder. Auffällig ist der Regen in der Landschaft rechts, die vermutlich Deutschland darstellen soll. Regen ist für das Kind offensichtlich etwas Besonderes. Beeindruckend ist auch der Kontrast zwischen dem völlig überfüllten Flüchtlingsboot und dem großen Boot links, auf dem eine einzige Person ist - vielleicht ein Polizist oder Grenzschützer. Diese Ungleichheit auf den Booten hat das Kind wahrgenommen.

Auch die großen Wellen fallen auf. 

Koellreutter-Strothmann: Kein Kind hier würde das Meer so malen. Die Wellen sind mehr als mannshoch, sie wirken wie Berge. Sie müssen das Kind sehr geängstigt haben.

Wie stecken Flüchtlingskinder ihre oftmals schlimmen Erlebnisse weg? 

Herzergreifend: Dieses Bild hat Setare (6) aus Afghanistan gemalt, die im Flüchtlingsheim Park Schönfeld lebt. Es wurde im „Café Zuflucht“ in der Südstadt ausgestellt. Links im Bild ist die afghanische Flagge zu sehen, rechts die deutsche. „Das Kind verbindet mit Deutschland viel Hoffnung“, deutet die Kinderpsychiaterin die Zeichnung. Repro: Koch

Koellreutter-Strothmann: Das ist ganz unterschiedlich. Jugendliche, die alleine auf der Flucht waren, sind am gefährdetsten. Sie haben unterwegs meist Anschluss an eine Gruppe gefunden und werden hier oftmals von den Weggefährten dann wieder getrennt. Das kann nochmals eine Traumatisierung sein, wenn der Halt, den man auf dem schweren Weg gefunden hat, wieder verloren geht.

Und Kinder, die mit ihrer Familie kommen? 

Koellreutter-Strothmann: Der Familienverbund ist grundsätzlich etwas Schützendes. Es kommt aber auch darauf an, wie es den Eltern geht. Nach der Ankunft kommt es häufig zu familiären Spannungen. Das kriegen die Kinder mit. Wenn sie gute Bindungen an die Eltern haben und sich auf der Flucht nicht allein gefühlt haben, sind die Voraussetzungen aber natürlich besser.

Wie drückt es sich aus, wenn Kinder von der Flucht traumatisiert sind?

Koellreutter-Strothmann: Manche ziehen sich sehr zurück und sind ganz still. Oder sie werden deutlich depressiv: Eine Kollegin berichtete von einem Kind im Kinderwagen, das einen Ausdruck hatte wie ein alter Mann. Das ist erschreckend. Und es gibt Kinder, die sich mit aggressiven Verhaltensweisen bemerkbar machen: die schlagen, rumschreien oder extrem wild sind. Die haben oftmals mehr Chancen, Hilfe zu bekommen. Man muss aufpassen, dass man die ruhigen Kinder nicht übersieht.

Was hilft den Kindern? 

Koellreutter-Strothmann: Lassen wir therapeutische Hilfe erstmal außen vor. Struktur ist ganz wichtig: also in den Kindergarten oder die Schule gehen, etwas lernen und Anschluss finden. Wenn sie sich dort willkommen fühlen und eingebunden werden, ist das sehr viel wert. Die ersten Wochen und Monate in den Erstaufnahme-Einrichtungen sind daher eher schwierig. Je länger die Kinder in solchen Lagersituationen leben, desto schwieriger ist das für ihre Entwicklung.

Die Familien ziehen ja in der Regel auch mehrfach um, bis sie am Ende im Idealfall eine Wohnung haben. 

Koellreutter-Strothmann: Das kann für die Kinder schlimm sein. Sie haben gerade versucht, Fuß zu fassen und Kontakte aufgebaut, dann müssen sie schon wieder weg. Es gibt Kinder, die dann ganz zumachen und keine Bindungen mehr eingehen. Sie haben die Erfahrung gemacht: Beziehungen sind nicht verlässlich. Feste Bezugspersonen sind für die Kinder nach ihren ganzen schlimmen Erfahrungen besonders wichtig.

Wie kann man therapeutisch mit Flüchtlingskindern arbeiten? 

Koellreutter-Strothmann: Malen ist da ein wunderbares Mittel. Über Bilder können sich Kinder sehr direkt und ohne Worte ausdrücken. Mit Händen und Füßen kann man sich mit den Kindern auch ganz gut über ihre Bilder austauschen. Zum Beispiel kann man auf die hohen Wellen zeigen, um zu signalisieren: Ich habe deine Angst verstanden. Das Interesse an ihren Bildern ist für die Kinder - übrigens genauso für einheimische - ganz wichtig.

Ist Malen auch ein Stück Verarbeitung? 

Koellreutter-Strothmann: Kinder könne darüber einen Ausdruck für ihre Befindlichkeit finden. Es ist wichtig, dass ihre Gefühle und Erzählungen gehört und gesehen werden. Zuhause sprechen die Kinder häufig nicht über das Alte, Schreckliche aus der Heimat und von der Flucht, auch weil sie die Eltern schonen wollen.

Lässt sich die Situation der heutigen Flüchtlingskinder mit den Kriegskindern aus dem Zweiten Weltkrieg vergleichen? 

Koellreutter-Strothmann: Natürlich! Die Kriegsgeneration hat ihre Erfahrungen ein Leben lang mit herumgeschleppt. In der Nachkriegszeit wollte niemand ihre Geschichten hören. Die Aufarbeitung wurde - auch auf persönlicher Ebene - erst viel später angestoßen. Heute haben wir die Chance es anders zu machen. Wenn Menschen ihre schweren Erfahrungen nicht über Jahre vergraben müssen und wenn ihre Erzählungen gehört werden, kann das sehr erleichtern und helfen.

Zur Person 

Dr. med. Petra Koellreutter-Strothmann ist Psychotherapeutin und Kinder- und Jugendpsychiaterin in Kassel. Nach dem Medizinstudium in München hat sie ihre Facharztausbildung in Heidelberg gemacht. Die psychotherapeutische Ausbildung absolvierte sie in Heidelberg und Kassel. Petra Koellreutter-Strothmann ist Mitglied im Kasseler Alexander-Mitscherlich-Institut, wo sie sich im „Arbeitskreis Flüchtlinge“ engagiert. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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