Für theokratischen Kongress

Bombentrichter ade: Wie die Zeugen Jehovas 1948 die Karlsaue verschönerten

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Gemeinsam: In der verwüsteten Karlsaue waren 1948 insgesamt 400 Zeugen Jehovas ehrenamtlich am Arbeiten, um den Park für die Ausrichtung ihres Bundeskongresses herzurichten. Die Namen der abgebildeten Personen sind nicht mehr bekannt.

Kassel. In der Aue suchten kürzlich Mitarbeiter des Kampfmittelräumdienstes nach Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg. Es war eine Sicherheitsmaßnahme für Baumfällarbeiten. Kasseler Zeugen Jehovas erinnern sich deshalb an eine besondere Aktion im Jahr 1948.

Für die Kasseler Zeugen Jehovas ist es noch heute, fast 70 Jahre später, ein bedeutendes Ereignis in ihrer Geschichte: der „Theokratische Kongress“, also der Bundeskongress der Religionsgemeinschaft, zu dem vom 23. bis 25. Juli 1948 über 20.000 Menschen nach Kassel kamen. „Es war der erste große Kongress in Kassel nach dem Krieg“, sagt Wilfried Siegner von den Kasseler Zeugen Jehovas. Noch vor dem Treffen kam eine schwere Kärrnerarbeit. Die Karlsaue, wo die Gäste unter freiem Himmel empfangen werden sollten, war von Krieg und Bombardement verwüstet. Allein die Wiese vor der Orangerie war von über 50 Bombentrichtern durchlöchert. Ein anderer Ort konnte aber nicht zur Verfügung gestellt werden. Zudem war die öffentliche Verwaltung noch mit sich selbst beschäftigt und so mussten die Zeugen Jehovas selbst aktiv werden. „Ihr müsst euch kümmern“, hieß es von Seiten der Stadt.

Zeitzeugen: Walter Bubenheim (84) und Anna Brösgen (92) waren 1948 beim Arbeiten in der Karlsaue tatkräftig vor Ort.

So machten sie sich mit einfachstem Werkzeug, zurechtgezimmerten Holzschubkarren und menschlicher Muskelkraft einen Monat lang daran, Bombentrichter mit Trümmerschutt aufzufüllen. „Den mussten wir Schippe für Schippe, in Eimern und Wannen vom Rosenhang unterhalb der Schönen Aussicht herbeiholen“, erinnert sich Anna Brösgen, die heute 92 Jahre alt ist. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs hatte man aus der Innenstadt in Bergwerksloren Kriegsschutt an den Rosenhang geschafft. Die Seniorin erinnert sich: „Es regnete während der gesamten vier Wochen ohne Unterlass.“ Sie arbeiteten durchnässt und im Matsch. „Wir haben das gerne gemacht.“ Der 84-jährige Walter Bubenheim nickt. Auch er erinnert sich gut an die gemeinsame Arbeit, zu der aus der gesamten Republik 400 Freiwillige angereisten waren. Vor Ort bewegten sie 10.000 Kubikmeter Steine, Erde und Schutt und füllten damit die Bombentrichter auf.

Vor allem die Karlswiese, wo 20.000 Stühle aufgestellt wurden, sollte glänzen. „Wenn wir abends müde zuhause waren, bekochten wir unsere Gäste; die Helfer waren ja alle privat untergebracht“, erinnert sich Brösgen. „Dann wurden mit unseren Essensmarken Zutaten für eine Suppe besorgt.“ Nachts haben ihr Mann „und andere Brüder“ vor Ort das Werkzeug bewacht.

Matschig: Die Helfer arbeiteten in der Aue mit einfachem Werkzeug und unter Dauerregen zum Teil knöcheltief im Matsch.

Man habe alles mit Freude und Gottvertrauen erledigt, und als am Schluss rechtzeitig alle Stühle auf der Karlswiese aufgestellt waren, sei die Sonne durch die Wolken gekommen und habe alle Helfer mit einem großen Regenbogen belohnt, erinnern sich Brösgen und Bubenheim.

Hintergrund: 2000 Zeugen Jehovas in der Region 

Zeugen Jehovas sind eine christliche, nichttrinitarische Religionsgemeinschaft. Sie sind aus der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung hervorgegangen, die im 19. Jahrhundert in den USA gegründet wurde. Heute gibt es in Kassel Stadt und Landkreis 2000 Zeugen Jehovas. Weltweit sind es acht Millionen. Sie sind u.a. für ihre ausgeprägte Missionstätigkeit bekannt.

Von Christina Hein

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