Erstaufnahmeeinrichtung in Brasselsberg: „Wie ein kleines Dorf“

Feuerwehrschule: Flüchtlinge helfen bei Organisation des Alltags

Bewohner helfen bei der Essensausgabe: Samson Fesshaye (von links) und Aberhat Gebrut aus Eritrea verteilen im Speisesaal die Getränke - hier an die beiden Dolmetscher Mulu Ghebrayesus (hinten) und Jonathan Amanuel. Fotos: Malmus

Kassel. In der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in der Landesfeuerwehrschule in Kassel leben 460 Menschen. Wir waren vor Ort und haben mit ihnen gesprochen. Eine Reportage.

Frühstückszeit in der Flüchtlingsunterkunft in der Landesfeuerschule. An der Theke im Speiseraum – einer umfunktionierten Garage mit Rolltoren – können die Menschen sich Brötchen, Aufstrich, Eier und Getränke holen. Samson Fesshaye und Aberhat Gebrut geben Plastikbecher mit Wasser aus. Die beiden Eritreer wohnen selbst in der Erstaufnahme-Einrichtung an der Heinrich-Schütz-Allee und helfen bei der Essensausgabe.

„Es fühlt sich gut an, etwas zu tun“, sagt die 29-jährige Frau – ein Dolmetscher übersetzt. „Wenn man nicht arbeitet, kommen so viele Gedanken.“ Sie hat ihre Heimat schon vor Jahren verlassen, auf der Flucht ihre Mutter verloren und ist vor einem Monat nach Kassel gekommen.

Waschküche im Container: Abdul Gader aus Somalia (links) und Johny Kanhousch aus Syrien beaufsichtigen, dass die Maschinen richtig bedient werden.

Die Erstaufnahme in einer Übungs- und Fahrzeughalle der Landesfeuerwehrschule an der Dönche war Anfang September buchstäblich über Nacht aus dem Boden gestampft worden. Waren die ersten Wochen ein einziges Provisorium, hat sich der Betrieb inzwischen eingerenkt. „Das ist wie ein kleines Dorf hier“, sagt Günter Jäger, der die Unterkunft leitet. Seit Kurzem gibt es in den großen, hohen Hallen, in denen die Flüchtlinge schlafen, zimmerartige Kabinen, um Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen. Es ist erstaunlich ruhig dafür, dass hier 460 Menschen auf engstem Raum leben.

Bei den Alltagsaufgaben werden die Flüchtlinge mit eingebunden – auch die Trennwände haben sie selbst gezimmert. „Das ist das beste Mittel, um die verschiedenen Nationen zusammenzubringen“, sagt Jäger. Konfliktpotenzial gebe es immer wieder, berichtet der pensionierte Polizeibeamte. „Manchmal reicht der kleinste Anlass, damit sich eine Gruppe benachteiligt fühlt.“ Vielleicht liege das daran, dass die Menschen auf der Flucht die Erfahrung gemacht hätten, dass man sich durchkämpfen müsse. Zu handfesten Streits komme es aber sehr selten. Auch weil der Sicherheitsdienst rund um die Uhr präsent sei. Wer sich danebenbenimmt, erhält eine klare Ansage. Jede Straftat, so die Devise der Leiters, wird angezeigt. Bisher gab es vier Anzeigen.

Statt auf schmalen Klappliegen wie zu Beginn können die Bewohner inzwischen in Doppelstockbetten schlafen. Duschen und Toiletten sind auf dem Hof. Die Duschzelte sollen bald gegen eine Leichtbauhalle ersetzt werden. Die Dixiklos werden bleiben. Der Vorteil daran sei, dass es keine Wartungsprobleme gebe wie bei WCs, die verstopfen können.

Eine Waschküche ist in einem Container eingerichtet worden, zwei junge Männer aus Syrien und Somalia packen beim Be- und Entladen der Maschinen an und posieren gut gelaunt fürs Zeitungsfoto. In weiteren Containern befinden sich eine Kleiderausgabe des Roten Kreuzes sowie der Sanitätsdienst. Täglich gibt es auch eine Arzt-Sprechstunde. Die Hausärztin Anja Thimm aus Kassel behandelt dort an ihrem freien Tag Flüchtlinge.

Nebenan in einem Zelt gibt ein Dolmetscher einer Gruppe Afghanen Deutschunterricht. Für Kinder gibt es einen Spielraum, in dem zwei syrische Jungen gerade das Häkeln üben. Andere Kinder stapeln Bauklötzchen. Sie sind vertieft ins Spiel. Ein Stück Normalität in der Fremde.

Erstaufnahmeeinrichtung in der Landesfeuerwehrschule

Bewohnerzahlen

In der Unterkunft sind aktuell 460 Flüchtlinge untergebracht, darunter rund 90 Kinder. In der Einrichtung leben viele Familien. Die Bewohner kommen aus 13 Nationen, zum größten Teil aus Syrien (231) und Afghanistan (117) sowie dem Irak (46). Die Flüchtlinge bleiben in der Regel acht Wochen in der Erstaufnahme, bevor sie in kommunale Unterkünfte weiterverteilt werden.

Lesen Sie auch:

-Erstaufnahme in Kassel: Schon 260 Flüchtlinge in Feuerwehrschule

Schlagworte zu diesem Artikel

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren: Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.