„Sind kalt erwischt worden“

Flüchtlings-Unterkunft in Landesfeuerwehrschule: Helfer kritisieren überstürzte Schließung

Abschluss: Nicoletta Liess (Sicherheitsdienst Spectra, von links), Jonas Weber (Grischäfer), Pascal Loth (Spectra), Jochen Rühle (DRK), Peter Homann und Wolfgang Finis (Leitung Erstaufnahme), Dani Daneal (Dolmetscher), RP Dr. Walter Lübcke und Baktasch Rokhschan (Dolmetscher). Foto: Koch ,

Kassel. Auf dem Grill brutzelten Würstchen, die Sonne schien, doch Freude wollte nicht so recht aufkommen: 50 hauptamtliche Helfer kamen am Samstag auf dem Gelände der Landesfeuerwehrschule zum Abschluss zusammen.

Eingeladen hatte die Leitung der Erstaufnahmestelle. Die 237 Flüchtlinge, die zuletzt in der Unterkunft lebten, waren da bereits fort. Sie wurden in der Erstaufnahme in Calden untergebracht. Helfer, Dolmetscher, Sicherheitskräfte und Mitarbeiter des Regierungspräsidiums - sie alle haben das überraschende Aus für die Unterkunft mit 470 Plätzen noch nicht verdaut.

Entsprechend gedrückt war die Stimmung bei dem Essen, das Caterer Rainer Holzhauer (Grischäfer) ausrichtete. „Wir waren wie eine Familie“, sagte Alya Abdullah vom Sozialdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), das die Einrichtung im Auftrag des Landes betrieben hatte. „Für uns ist es eine große Enttäuschung.“ Wolfgang Finis, Leiter der Erstaufnahme, wirkte ein bisschen verloren. Der 61-Jährige war am Samstagmorgen nach Calden gefahren, um zu sehen, wie es seinen Schützlingen geht. Er sei lächelnd empfangen worden, sagte er, doch natürlich gebe es einige Veränderungen. „Aber die Menschen sind offen.“

„Wir sind kalt erwischt worden“, sagte Cornelia Pfeil, Leiterin des DRK-Sozialdienstes. Die „überstürzte Verlegung nach Calden“ habe die Angst vor Abschiebung geschürt. „Calden hat unter unseren Bewohnern auch keinen guten Ruf. Wenn’s Randale gab, war es in Calden.“ Fünf Mitarbeiter, darunter zwei, die die Sprache der Flüchtlinge beherrschen, waren in der sozialen Betreuung tätig. „Es hat traurige Szenen gegeben beim Abschied“, sagte Pfeil.

Auch für die freiwilligen Helfer war das Ende ein Schock, wie Sonja Becher berichtete. Bis zu 200 Ehrenamtliche seien in der Unterkunft im Einsatz gewesen. Gemeinsam mit Christian Rosenhoff hat sie deren Einsatz koordiniert. Die Zahlen seien stetig nach oben gegangen. Vor zwei Wochen habe man noch aus dem Stand zehn Sprachkurse pro Woche auf die Beine gestellt. Und nun das Aus. „Die Ehrenamtlichen sind erbost. Die haben die Einrichtung getragen. Es war für sie besonders schwer, weil sie sich nicht verabschieden konnten.“ Mit etwas mehr Vorlauf, so Becher, hätte man vielleicht ein Abschlussfest organisieren können.

„Ein Abschied ist immer mit Schmerz verbunden“, sagte Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke. Er dankte den Helfern, bat aber auch um Verständnis dafür, dass der Ausbildungsbetrieb der Feuerwehr fortgeführt werden müsse. Ob weitere Erstaufnahmen geschlossen werden, will das Regierungspräsidium diese Woche mitteilen.

Suche nach neuen Jobs für Helfer

Mit der Schließung der Erstaufnahme in der Landesfeuerwehrschule sind die 25 Mitarbeiter überflüssig geworden, die das Deutsche Rote Kreuz (DRK) über befristete Arbeitsverträge eingestellt hatte. Das DRK will aber prüfen, „ob wir den einen oder anderen bei uns unterbringen können“. Das sagte Holger Gerhold-Toepsch, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands Kassel-Wolfhagen, am Rande der Veranstaltung. „Das sind engagierte Leute, die Erfahrung haben.“ Man stehe auch in Kontakt mit Wohlfahrtsverbänden, um zu sehen, ob Helfer in andere Stellen vermittelt werden können. Allerdings werde dies nur für einen Teil gelingen.

Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke (CDU), der aus seinem Urlaub auf das Gelände der Landesfeuerwehrschule gekommen war, sagte mit Blick auf die Folgen der Schließung für das Personal: „Wir brauchen auch Leute an anderen Standorten. Die Arbeit wird nicht weniger.“

Das Land Hessen betreibt in Stadt und Kreis Kassel nun noch sieben Erstaufnahmestellen, die aktuell aber lediglich zu 30 Prozent ausgelastet sind. Vor diesem Hintergrund wurde die Erstaufnahme in der Landesfeuerwehrschule geschlossen.

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