Wissenswertes über Nordhessens Hauptstadt

Neues Buch Kassel 4.0: Ein Blick in die Zukunft der Stadt

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Eine Stadt im stetigen Wandel: Kassel hat sich von der Nachkriegszeit bis heute enorm verändert. Eine der wenigen Konstanten ist die barocke Achse Wilhelmshöher Allee.

Kassel. Wo kommt Kassel her und wo entwickelt es sich hin? Antworten auf diese Fragen gibt das neu erschienene Buch „Kassel 4.0“. Wir stellen zehn wichtige Erkenntnisse daraus vor.

Mehrere Wissenschaftler der Uni Kassel haben daran mitgearbeitet, aber auch Praktiker und Fachleute aus anderen Teilen Deutschlands. Sie alle werfen einen Blick auf die Stadt, die sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelt hat. Wir stellen zehn wichtige Erkenntnisse vor, die dieses Buch bei der Lektüre eröffnet:

1. Entgegen aller Prognosen wächst die Einwohnerzahl der Stadt Kassel seit 2006. Inzwischen liegt sie wieder fast bei 200.000 Einwohnern. Aus einer schrumpfenden, sich selbst blockierenden Provinzmetropole ist eine dynamische und innovative Großstadt geworden. Die Halbierung der Arbeitslosenzahl innerhalb von zehn Jahren ist dafür nur ein Indiz. Die Entwicklung der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung läuft seit 2007 rasanter als im Bundesdurchschnitt.

2. Trotz rasanten Wachstums ist Kassel eine Stadt der sozialen Brüche. So verfügt die Stadt über ein vergleichsweise geringes Steueraufkommen. Nur sieben der 100 größten hessischen Unternehmen haben ihren Sitz in Kassel. Mit VW, SMA und B. Braun liegen drei weitere im Umland. Auch in der Stadt gibt es Brüche: So konzentrieren sich die hohen Arbeitslosenraten auf Wesertor, Nordstadt und Rothenditmold.

3. Kassel bietet eine attraktive Infrastruktur (im Kulturbereich das Staatstheater und die drittgrößte Museumsdichte deutschlandweit – nach Frankfurt und Stuttgart). Dies führt zu einer hohen finanziellen Belastung. Obwohl die umgebenden Kreise von dieser Infrastruktur profitieren, werden sie nicht in angemessener Weise an deren Finanzierung beteiligt. Eine Regionalreform, also der Zusammenschluss von Stadt und Kreis, sei überfällig.

4. In der jüngeren Vergangenheit gab es sechs Zäsuren, die Kassel nachhaltig prägten: die Bombennacht (1943), die erste documenta (1955), die Eröffnung des VW-Werks in Baunatal (1958), die Gründung der Gesamthochschule, die heute Universität Kassel heißt (1971), die deutsche Einheit (1989), mit der Kassel eine zentrale Lage erlangte und den Anschluss an das ICE-Netz und den Boom der Logistik- und Tagungs-/ Hotelbranche beförderte sowie der Unesco-Titel für den Bergpark (2013).

5. Der ökonomische Erfolg Kassels ist darauf zurückzuführen, dass es der Stadt gelungen ist, sich von der Verengung auf wenige Industriezweige zu befreien. Einst dominierten Textil- und Rüstungsindustrie sowie der Lokbau (Henschel). Heute sind auch Dienstleistungen, Verwaltung und Wissenschaft stark vertreten – die anfällige Monostruktur ist überwunden. Von 1970 bis 2000 verlor die Stadt die Hälfte ihrer Industriebeschäftigten. Mit 20 Prozent ist der Anteil der Beschäftigten in der verarbeitenden Industrie aber weiter hoch und hessenweit spitze. Zuletzt gab es sogar Zuwächse.

6. Um sich trotz der vielen Altschulden (etwa 500 Mio. Euro) weiter zu entwickeln, braucht die Stadt die finanzielle Unterstützung von Land, Bund und EU. Dafür benötigt es Interessenvertreter in Wiesbaden, Berlin und Brüssel. Am besten sei dies in der Vergangenheit Georg August Zinn, Holger Börner und Hans Eichel gelungen.

7. Kassel fehlt es an telegenen Sportarten, die sich auch im Sinne des Stadtmarketings einsetzen lassen. In gleichgroßen Städten wie Freiburg sei dies anders.

8. Kassel hat trotz Aufholjagd die Herausforderungen noch nicht alle bewältigt. Die Verschiebung des Beschäftigtenanteils hin zu den Dienstleistungen – die für eine vergleichsweise geringe Wertschöpfung sorgen – deute auf einen noch vorhandenen strukturellen Nachholbedarf hin. So liegt das Bruttoinlandsprodukt (Wertschöpfung) pro Einwohner bei 43 400 Euro – im Durchschnitt der kreisfreien Städte Hessens liegt es bei 63 500 Euro. Mit Ausnahme von Offenbach sei der Abstand zu südhessischen Städten weiter groß.

9. Kassel hat ein Wohnraumproblem. Der Arbeitsmarkt wird attraktiver, doch das Wohnungsangebot wächst nicht mit. Die Zahl der Einpendler steigt (2005: 53 800; 2013: über 60 000) und die Mieten tun es ebenfalls.

10. Eine Mammutaufgabe für die Stadt wird der demografische Wandel (für 2040 ist ein Rückgang auf 187.000 Einwohner prognostiziert). Deshalb muss es Ziel sein, junge Menschen an die Region zu binden. Kassel hat gute Chancen: Es bietet die Vorzüge einer Großstadt ohne die Nachteile größerer Städte (schlechte Luft, Verkehrschaos).

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