Wahrnehmung von Weihnachten: „Christkind hat nicht ausgedient“

Kinder lieben Weihnachten: Nicht nur wegen der Geschenke, sagt die Kasseler Religionspädagogin. Familien können sich auch gemeinsam auf die Suche nach der Bedeutung des Weihnachtsfests machen. Foto: dpa

Kassel. Viele Kinder können es kaum noch erwarten, dass endlich Weihnachten ist. Aber hat das Fest für Kinder und Familien überhaupt noch eine religiöse Bedeutung? Darüber sprachen wir mit der Religionspädagogin Prof. Dr. Petra Freudenberger-Lötz von der Uni Kassel.

Überall begegnet uns der Weihnachtsmann, hat das Christkind ausgedient?

Prof. Dr. Petra Freudenberger-Lötz: Nein. Aber in der Tat kennen viele Kinder das Christkind nicht mehr richtig. Weihnachten als Fest der Geburt Jesu ist heute nicht mehr so präsent in unserem Alltag. In den Geschäften und in der Werbung, wo kommerzielle Interessen im Vordergrund stehen, sehen wir meist nur den Weihnachtsmann. Daher fragen Kinder heute manchmal: „Ach, hat früher das Christkind die Geschenke gebracht?“

Kennen viele Kinder die eigentliche Botschaft von Weihnachten nicht mehr?

Freudenberger-Lötz: Das haben zumindest Umfragen ergeben. Dabei ist mein Eindruck, dass Kinder sich durch den Religionsunterricht oder ein Krippenspiel in Kita oder Schule noch eher mit Weihnachten beschäftigen als manche Erwachsene. Im täglichen Leben spricht man heute nicht mehr über den Glauben. Religion ist Privatsache geworden.

Trotz sinkender Religiosität sind an Weihnachten die Kirchen brechend voll. Warum?

Freudenberger-Lötz: Der Gottesdienst gehört für viele Menschen einfach dazu, als ein lieb gewonnenes Ritual. Es gibt zwar mitunter die Meinung: Wer sonst nie kommt, soll auch an Weihnachten wegbleiben. Doch das sehe ich anders. Weihnachten ist eine Chance für die Kirche, die Menschen immer wieder neu einzuladen, sich auf das Wunder von Weihnachten einzulassen. Viele Pfarrer stellen sich bereits darauf ein und gestalten einen Gottesdienst, mit dem auch diejenigen, die mit Kirche nicht so vertraut sind, etwas anfangen können.

Stehen nicht gerade bei Kindern vor allem die Geschenke im Vordergrund?

Freudenberger-Lötz: Das glaube ich nicht. Natürlich freuen sie sich über Geschenke - und das gehört dazu. Aber als das Besondere an Weihnachten empfinden Kinder wie auch Erwachsene das Zusammensein mit der Familie. Die Sehnsucht nach dem glücklichen Miteinander wird allerdings manchmal enttäuscht. Auch deshalb ist es gut, wenn man sich bewusst macht, worum es an Weihnachten wirklich geht. Dann ist es auch nicht so schlimm, wenn an dem Tag nicht alles perfekt ist. Gott wird Mensch und kommt in unsere Welt. Das ist ein Grund zur Freude - auch wenn der Braten verbrennt oder das Geschenk nicht gefällt.

Wie kann man Kindern die christliche Botschaft von Weihnachten wieder nahebringen?

Freudenberger-Lötz: Zum Beispiel, indem man gemeinsam die Weihnachtsgeschichte liest oder Adventskalender-Geschichten - wie die von der Schnecke Sofia, die sich auf den Weg zur Krippe macht. Kinder lieben biblische Erzählungen. Die Offenheit für Religion ist im Menschen angelegt. Aber wenn man als Kind nicht hineingewachsen ist, fällt der Zugang später meist schwerer. Umso schöner ist es, wenn Eltern sich zusammen mit ihren Kindern wieder auf die Suche nach dem Sinn von Weihnachten begeben.

Und dann sollte das Christkind kommen?

Freudenberger-Lötz: Das hat zumindest einen Vorteil. Viele Jugendliche sagen, dass sie sich veräppelt gefühlt haben, als sie entdeckten, dass es den Weihnachtsmann gar nicht gibt. Wenn man an das Christkind glaubt, kommt zwar auch irgendwann die Erkenntnis, dass die Eltern die Geschenke unter den Baum legen. Trotzdem bleibt es wahr, dass das Christkind uns das Geschenk bringt: nämlich dass Gott auf Erden ist. Und darum beschenken wir uns schließlich.

Zur Person

Petra Freudenberger-Lötz (49) ist Professorin für Religionspädagogik am Institut für Evangelische Theologie der Uni Kassel. Die Mutter dreier Kinder im Alter von 14,17 und 19 Jahren lebt in Kaufungen. In ihrer Freizeit ist sie begeisterte Läuferin.

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