Nicht nur die Größe zählt

Debatte zu Chancen einer zweiten Kulturhauptstadt-Bewerbung Kassels

Kassel als Kulturhauptstadt Europas 2025? EU-Jury-Mitglied und Kulturhauptstadt-Experte Dr. Ulrich Fuchs sprach in der documenta-Halle über die Chancen einer Bewerbung der Stadt im Zeichen des Herkules, die mit der neuen Grimmwelt und documenta-Kunst punktet.

Kassel. Die entscheidende Frage, ob Kassel überhaupt eine Chance hat, 2025 Kulturhauptstadt Europas zu werden, beantwortete Dr. Ulrich Fuchs (65), Mitglied der europäischen Auswahl-Jury, in der Tendenz positiv.

Nicht die Größe und wirtschaftliche Potenz einer Stadt seien ausschlaggebend für den Erfolg einer Bewerbung, sagte Fuchs am Donnerstag bei einem Informationsabend zu den Aussichten einer Kulturhauptstadt-Bewerbung Kassels. Auch sei das Verfahren unabhängiger von nationalen Lobby-Einflüssen geworden, seitdem eine europäische Jury über die Bewerbungen entscheidet (siehe Artikel rechts).

Etwa 200 Besucher waren zu der Veranstaltung in der documenta-Halle gekommen, die von der Hamburger Filmproduzentin Heike Wiehle-Timm moderiert wurde. Die Kasselanerin ist Mitglied des Kassel-Beirats.

Das sagt OB Hilgen

Oberbürgermeister Bertram Hilgen, der die Idee einer zweiten Kulturhauptstadt-Bewerbung 2015 lanciert hatte, bezog weder für noch gegen eine Bewerbung Stellung. Sollte sich die Meinungsbildung in der Stadt für eine Bewerbung entwickeln und das Stadtparlament dafür stimmen, müsste nach Hilgens Auffassung eine hauptamtliche Kultur-Dezernentenstelle für diesen Prozess eingerichtet werden. Bislang war der OB zugleich Kulturdezernent, wobei Hilgen 2017 abtritt.

Das sagt der EU-Experte

Ulrich Fuchs

Dr. Ulrich Fuchs, der die Kulturhauptstädte Linz (2009) und Marseille (2013) als Vize-Intendant gemanagt hat, sieht als Bedingung einererfolgreichen Bewerbung, dass die Stadtgesellschaft zwei Fragen klärt: Was erhoffen wir uns als Gewinn vom Kulturhauptstadt-Jahr? Und was hat Europa davon, wenn Kassel es wird? Ziel sei ein „vision statement“: Was soll aus Kassel 2026/27 werden? Gelinge dies, dann sei die Höhe des zur Verfügung stehenden Etats nicht entscheidend. Am Beispiel von Linz, das zur NS-Zeit als „Führerstadt“ galt, zeigte Fuchs auf, wie das Kulturhauptstadtjahr auch als „Psychotherapie“ einer Stadt wirken kann.

Die Diskussion

Der ehemalige Kasseler Uni-Präsident Rolf Dieter Postlep forderte, Kassel müsse eine Idee entwickeln, mit welchen Impulsen man die erfolgreichen 2010er-Jahre fortführen will. Martina Bramkamp, Kunsthochschul-Professorin, wies mit Blick auf das anwesende Publikum darauf hin, dass die kreative junge Generation für die Idee der Kulturhauptstadt-Bewerbung erst noch gewonnen werden müsse.

Kulturhauptstadt Europas

Infos zur Bewerbung von Kassel um die Kulturhauptstadt Europas 2010 in unserem Regiowiki.

Der Titel Kulturhauptstadt Europas wird seit 1985 jährlich von der Europäischen Union (EU) vergeben. Seit 2007 werden in der Regel zwei Städte bestimmt, eine aus einem alten EU-Land und eine aus einemnach dem Fall des Eisernen Vorhangs hinzugekommenen Land. Deutsche Kulturhauptstädte waren bisher Berlin (1988), Weimar (1999) und Essen (2010). In diesem Jahr sind San Sebastian (Spanien) und Breslau (Polen) die Kulturhauptstädte Europas.

Das Verfahren

Im Jahr 2025 ist Deutschland zum vierten Mal an der Reihe, eine Kulturhauptstadt Europas zu stellen. Die Ausschreibung erfolgt 2018, die Entscheidung fällt im Jahr 2020. Für die Kulturhauptstädte ab dem Jahr 2020 gilt ein verändertes Verfahren. Bei den Kriterien für die Vergabe erhalten Programme für die langfristige, nachhaltige Stadtentwicklung mehr Bedeutung.

Außerdem geht es darum, Europa in seiner Vielfalt, aber auch in seiner kulturellen Einheit zu repräsentieren. Die jeweiligen Mitgliedsstaaten eröffnen ein nationales Auswahlverfahren. Darüber wird jedoch nicht mehr im Land selbst entschieden, sondern eine zehnköpfige unabhängige europäische Expertenjury erstellt aus allen Bewerbungen eine Vorauswahlliste. Die dort genannten Städte können ihre Bewerbungen nach den Juryempfehlungen ergänzen und überarbeiten.

Nach einer zweiten Auswahlrunde empfiehlt die Jury eine Stadt für die Ernennung zur Kulturhauptstadt. Die Ernennung erfolgt durch den Mitgliedsstaat aufgrund der Jury-Empfehlung.

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