Kasseler Nordstadt bekommt Präsenz bei documenta 14

Präsentation im Kasseler Kulturzentrum Schlachthof: Andreas Angelidakis (von links), Ayse Güleç, Marina Fokidis, künstlerischer Leiter Adam Szymczyk mit dem Magazin „South - as a state of mind“, Quinn Latimer und Margarita Tsomou. Foto: Hedler

Kassel. Das Team der documenta 14 hat am Samstagabend im Kasseler Schlachthof die erste documenta-Sonderausgabe des Athener Magazins "South as a State of Mind" vorgestellt.

Es war kein Zufall oder der Nostalgie geschuldet, dass Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der documenta 14, die Präsentation des documenta-Magazins „South As A State Of Mind“ ins Kasseler Kulturzentrum Schlachthof verlegt hat. Hier hatte schon Roger M. Buergel seinen documenta-Beirat tagen lassen und 2007 zwei Werke der d12 gezeigt. Über 100 Besucher quetschten sich Samstagabend in den Schlachthof-Saal, wo sich Szymczyk und andere am Magazin Beteiligte im Publikum verteilt hatten, um ihre Statements abzugeben, statt von einem Podium zu „predigen“.

Die Wahl dieses Ortes sei vielmehr Ausdruck der Faszination für die Kasseler Nordstadt, so Szymczyk. In diesem Stadtteil, geprägt durch einen hohen Ausländeranteil und die sich ausdehnende Universität, werde der aktuelle Zustand der Kasseler „Seele“ sichtbar. Die Nordstadt werde bei der d 14 definitiv Präsenz bekommen.

Das Magazin diene dazu, Themen der Ausstellung zu entwickeln und im Vorfeld bekannt zu machen, erklärte Szymczyk. Nicht jeder Künstler, der in der Zeitschrift („ein diskursiver Spielplatz“) vorkomme, werde zwangsläufig Teilnehmer sein. Aber das Magazin sei Teil des documenta-Prozesses, als „performativer Akt der documenta“. Wie das „das ganze Blablabla“ mit den „schönen Kunstwerken“ im Zusammenhang stünde, die man 2017 sehen werde, „das wird man sehen“.

Quinn Latimer, für die documenta-Publikationen verantwortlich, nannte die „South“-Hefte der d14 eine „gegenhegemoniale Bibliothek des Widerstands“: Es geht um Postkolonialismus, Flucht und Vertreibung, Überschuldung, eine „Politik des Vergessens“. Themen des Abends im Überblick:

Gurlitt 

Szymczyk erläuterte seine Absicht, den kompletten Nachlass von Cornelius Gurlitt zu zeigen - bislang „mit wenig Erfolg“. Noch immer steht nicht fest, ob das Kunstmuseum Bern das Erbe des Sammlers antreten kann. Sein Vorhaben finde wenig Akzeptanz und Unterstützung bei den staatlichen Stellen in Deutschland, so Szymczyk. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hatte die Bundeskunsthalle Bonn zu einer Gurlitt-Ausstellung aufgefordert. Statt einer staatlichen Institution sollten sich unabhängige Kuratoren des Gurlitt-Nachlasses annehmen, appellierte Szymczyk. Zurzeit werde bereits die Ausstellungsarchitektur für die Gurlitt-Präsentation entwickelt.

Griechenland 

„South“-Herausgeberin Marina Fokidis sagte, niemand wisse, wie er die schwierige Situation in Griechenland aushalten könne. Die Griechen sei wie verzweifelte Schwimmer in dunklem Wasser, die das rückwärtige Ufer nicht mehr, aber auch noch kein Land in Sicht sähen: Es gebe kein Hinweis mehr auf den Aufbruch, aber auch kein Zeichen der Ankunft. Die Stereotype als schwarze Schafe Europas müssten die Griechen neu verhandeln, neu definieren und eine neue Rolle finden: als universelle Tugend.

Mit der Verortung Griechenlands zwischen Europa, als dem Norden, und dem globalen Süden, eine „Borderline-Condition“ gleichzeitig in- und außerhalb Europas, befasste sich auch Margarita Tsomou: Man müsse die griechische Situation - eine „Variation des ökonomischen Neoliberalismus“ - mit der weltweiten Schuldenkrise zusammendenken.

„Wir sind das Bild der Zukunft“, dieses Graffiti sah Tsomou in Athen. Eine zermürbte, enteignete Bevölkerung, die faktische Aushöhlung und Abschaffung der demokratischen und nationalen Souveränität durch ein post- oder neokoloniales Herrschafts- und Ausbeutungssystem beklagte sie. Die Medien trügen zur Konstruktion der Griechen als minderwertige „Andere“ bei: Hier die ökonomischen Analphabeten, Trickser und Betrüger, untüchtig, unaufrichtig, unvernünftig, eine Bedrohung für Europa. Dort die Vorbilder Europas, Lehrer und Helfer: die ehrlichen, fleißigen und pünktlichen Deutschen. Die Selbstkonstruktion eines „deutschen Wir“, in der Tsomou eine verdeckte Art von neuem, ökonomischen Nationalismus erkennt. Und: Es ist ein Wir der Steuerzahler, der Leistungsträger, nicht ein demokratisches Wir der Wähler oder Bürger. Hartz-IV-Empfänger, Frauen, Flüchtlinge oder Kranke seien darin ebenso wenig inbegriffen wie die „faulen und undankbaren Griechen“.

Tsomou bedauerte, dass sich die Griechen nicht in einer postkolonialen Perspektive in die Allianz des globalen Südens einreihten, sondern unbedingt zu Europa - dem nördlichen, „maskulinistischen“, weißen Europa - gehören wollten und dafür das neoliberale Programm der „Institutionen“, der Troika, hinnehmen wollten.

Der Architekt und Künstler Andreas Angelidakis ging von der Nachkriegsarchitektur Athens aus, sprach über Landflucht und gescheiterte Versuche, die architektonische Moderne zu verwirklichen. Er beschrieb die Herausbildung des modernen Griechenlands als Auseinandersetzung zwischen den liberalen, in Deutschland ausgebildeten „Hellenen“ und Anhängern des alten Ottomanischen Reichs, die „gar nicht befreit werden wollten“: „Das wird in den Schulen nicht gelehrt.“ Billard und Bier hier, bei den „Folklore-Griechen“ Backgammon und Raki - das Bild des idealisierten Griechenlands war langlebig. Ökonomisch kam es in den 1890er-Jahren zum Bankrott, England, Frankreich und Deutschland mussten damals schon Geld an Griechenland geben.

Bei seiner an Google-Earth und -Street-View erinnernden Präsentation rückte Angelidakis auch das Kasseler Fridericianum ins Bild - und eine Gruppe Flüchtlinge davor.

NSU 

Schlachthof-Mitarbeiterin Ayse Güleç rollte in ihrem Beitrag den Mord am Kasseler Halit Yozgat in seinem Internet-Café 2006 und die Aufarbeitung des NSU-Terrors auf. Sie erinnerte daran, wie die Angehörigen ins Visier der Ermittler gerieten, dass „Opfern zu Tätern gemacht“ wurden. „Migrantisches Wissen“ über Rassismuserfahrungen sei „großflächig marginalisiert“ und ignoriert worden. Sie ging auch auf den Wunsch des Vaters von Halit Yozgat ein, die Holländische Straße im Andenken an seinen Sohn umzubenennen. Forderungen der Opfer seien „randständig“ geblieben, ihre Positionen unsichtbar gemacht worden, die Stimmen der Opfer würden „leise gedreht“ und zum Schweigen gebracht. Güleç beklagte einen „institutionellen und strukturellen Rassismus“. Auch die Aufarbeitung durch die Justiz findet Güleç ungenügend: „Das Gericht macht alles klein“, kommentierte sie das laufende NSU-Verfahren in München, „aber die Dimensionen sind viel größer als das, was dort verhandelt wird.“

Wer etwa aus Athen oder New York zu Gast war, bekam so ein einseitiges Bild: Kein Wort davon, dass sich Untersuchungsausschüsse in mehreren Parlamenten mit dem NSU-Terror befassen, dass Yozgats Vater bei der Gedenkfeier gesprochen hat, dass es in Kassel in Tatort-Nähe längst einen Halit-Platz gibt.

Das Magazin 

Bis zur Ausstellung 2017 sollen insgesamt vier documenta-Sonderausgaben der Athener Zeitschrift „South as a State of Mind“ erscheinen. Die aktuelle, englischsprachige Zeitschrift hat 260 Seiten und kostet 10 Euro. Erhältlich im Buchhandel (ISBN 978-3-86335-844-0). Übersetzungen der meisten Texte ins Deutsche und Griechische gibt es auf www.documenta.de

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