Keine Hilfe bei Gurlitt: d14-Leiter Szymczyk beklagt mangelnde Unterstützung

Adam Szymczyk Archivfoto: Malmus
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Adam Szymczyk

Kassel. Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der documenta 14, hat erneut beklagt, dass seine Idee, den Gurlitt-Nachlass im Sommer 2017 in Kassel zu zeigen, wenig Unterstützung findet.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) habe ihm gesagt, die Präsentation sei „eine großartige Idee – aber vielleicht in zehn Jahren“. Das schilderte Szymczyk im Interview des Magazins „Art“: „Ich als künstlerischer Leiter erhalte keinen Zugang zu diesem historischen Konvolut, ebenso wenig Mitglieder meines Teams, noch der Institution documenta.“ Grütters plant eine Gurlitt-Ausstellung durch die Bundeskunsthalle Bonn.

Der 45-Jährige hatte schon bei der Präsentation des ersten documenta-Magazins „South“ die mangelnde Hilfe staatlicher Stellen betont. Den Kunstfund bei Cornelius Gurlitt, Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, auszustellen, sei für seine documenta „sehr wichtig“, bekräftigte Szymczyk. Kassel sei der perfekte Ort, um die Debatte zum Gurlitt-Nachlass weiterzuführen: „Ich verstehe nicht, warum diese Debatte vermieden werden sollte.“

Der polnische Kurator nannte die Gurlitt-Bilder „Beweisstücke“, die sich im Schwabinger Apartment abgelagert hätten wie ein Sediment. Der Nachlass sei wie „ein Container, der von einem Schiff fiel, verloren ging und wieder aufgetaucht ist“.

Auf die Frage, ob Besucher die Ausstellung 2017 sowohl in Athen als auch in Kassel sehen müssten, sagte Szymczyk, er stelle sich das so vor beim Gesichtsfeld: „Wenn man ein Auge zuhält, kann man immer noch alles sehen, aber mit zwei Augen sieht man mehr, und es hat eine andere Dimension.“

Er habe in Athen die schlimmste ökonomische Krise seit seiner Kindheit im Polen der 80er-Jahre gesehen – ohne Hoffnung auf substanziellen Wandel. Die Griechen würden „von mächtigeren internationalen Spielern“ mit ihren Alltagsproblemen alleingelassen. Dagegen helfen, so seine Beobachtung, Improvisation, Sinn für Humor und eine starke Bindung an Familie und Freunde.

Es gehe ihm darum, dass Kunst Beziehungen zur Wirklichkeit haben solle, „in denen wir leben“, sagte Szymczyk. Wie „Tentakel oder mediale Verlängerungen“ sollten Künstler die Realität untersuchen. Nicht weil sie ein gottgegebenes Talent hätten oder Genies seien, „sondern weil die Kunst eines der wenigen nicht ganz regulierten Gebiete ist“. Deshalb suche er Künstler bewusst außerhalb der „Kunstwelt“, die auch ihre eigenen Regeln habe.

„Der Künstler hat die Fähigkeit, aus der Masse der Tatsachen, die ans Ufer geschwemmt werden, einige herauszugreifen und artikuliert darüber zu sprechen“, ist Szymczyk überzeugt. Bekanntes solle wieder fremd und unbekannt erscheinen. Geschichte beschreibt er als geologischen Prozess, der sich in Schichten ablagert. Ihn interessieren die Risse und Brüche: „Punkte, an denen die Geschichte aus den Fugen geraten ist“, die mit Krieg, Gewalt und Flucht einhergehen.

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