Geschlagen und gedemütigt

Ehemalige Heimkinder hoffen auf Entschädigung

Wolfgang Bahr

Kassel. Ehemalige Heimkinder, die nach dem Krieg bis 1975 in Heimen lebten und litten, können nur noch bis Ende dieses Jahres Mittel aus dem Entschädigungsfonds beantragen.

Dabei ist ein großer Teil des Topfes schon vergeben. Der Kasseler Wolfgang Bahr, der sich als Betroffener auch auf Bundes- und Länderebene für seine Leidensgenossen engagiert, fürchtet nun, dass eventuell nicht alle Ansprüche erfüllt werden könnten. Und er hofft auf eine gerechte Lösung auch für die Betroffenen, die ihren Antrag noch nicht gestellt haben.

„Es kostet sehr viel Überwindung, sich erneut mit den schlimmen Erlebnissen zu befassen, um einen Antrag zu stellen“, weiß der 63-Jährige aus vielen Gesprächen. Und er fürchtet nun, dass ehemalige Heimkinder, die den Mut aufbringen, auch die hohen bürokratischen Hürden zu überwinden, am Ende enttäuscht werden könnten, falls für sie kein oder weniger Geld für die Entschädigung zur Verfügung stehen würde.

Die Errichter des Fonds – der Bund, die westdeutschen Länder und Berlin sowie die Kirchen – hätten ihre grundsätzliche Bereitschaft erklärt, sich an einer Aufstockung des Fonds zu beteiligen, sagte eine Sprecherin des Bundesfamilienministeriums auf Anfrage. Details würden derzeit abgestimmt. Erst nach Ablauf der Anmeldefrist am 31. Dezember werde der Gesamtumfang des Hilfebedarfs feststehen.

Wolfgang Bahr rechnet damit, dass noch einmal mehr als 100 Millionen Euro gebraucht werden, um den Entschädigungsansprüchen gerecht zu werden. „Die Aufstockung des Fonds ist noch nicht in trockenen Tüchern“, mahnt der Kasseler. „Das ist eine ziemlich ungute Entwicklung, die uns Bauchschmerzen und Sorgen macht.“

Für die ehemaligen Heimkinder, die durch die Folgen harter Kinderarbeit, schlechter Schulbildung und psychischer Belastungen mitunter nur eingeschränkt berufsfähig seien, sei der Entschädigungsfonds eine wichtige Hilfe. So kenne er Betroffene, die mit den beantragten Mitteln einen Berufsabschluss nachholen oder aufgrund von Gehbehinderungen eine barrierefreie Wohnung brauchen. Das komplizierte Antrags- und Genehmigungsverfahren empfänden viele bereits als Erniedrigung. Sollten ihre Ansprüche nicht oder nur eingeschränkt erfüllt werden, „fühlen sie sich wieder alleingelassen“, fürchtet Bahr.

„Die bestehenden Leistungsleitlinien gelten für alle Betroffenen gleichermaßen“, versichert indes die Ministeriumssprecherin. Darauf hofft auch Heinz S., denn er leidet noch heute unter den schrecklichen Erlebnissen seiner Kindheit und Jugend. „Wir wurden gedemütigt und geschlagen“, sagt der 67-Jährige, der im Alter von drei Jahren in ein von Ordensschwestern geführtes Kinderheim kam und dort bis zu seiner Jugend schwer arbeiten musste.

Hintergrund: 296 stellten Anträge in der Region

Von 1949 bis 1975 lebten in Deutschland 800.000 Kinder und Jugendliche in Heimen. Oftmals litten sie unter traumatisierenden Verhältnissen, wurden geschlagen, gedemütigt, teilweise missbraucht und mussten harte körperliche Arbeit verrichten. Seit 2012 gibt es den Fonds Heimerziehung West. Anträge können noch bis Ende 2014 gestellt werden. Am 31. August dieses Jahres seien bereits 79 Mio. Euro durch bewilligte Anträge gebunden, 72 Mio. Euro waren bis dahin ausgezahlt, so das Bundesfamilienministerium. In der Region Kassel stellten laut Versorgungsamt bislang 296 Betroffene Anträge. Ehemalige Heimkinder können nicht nur einen Rentenausgleich, sondern auch Sachleistungen für Folgeschäden bis zu 10.000 Euro erhalten. (hei)

Kontakt: Versorgungsamt Kassel, Tel. 0561 / 2 09 92 19 (10 bis 12 Uhr). Unterstützung finden ehemalige Heimkinder in der Selbsthilfegruppe: www.selbsthilfe-kassel.de, Tel. 9 20 05 3 99.

Von Martina Heise-Thonicke

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