Studie wird am Montag veröffentlicht

Ehemalige Oberbürgermeister: Sie waren Opportunisten der Nazi-Zeit

Ihr Image hat Kratzer bekommen: Die ehemaligen Kasseler SPD-Oberbürgermeister Karl Branner (von links), Willi Seidel und Lauritz Lauritzen hatten auf unterschiedliche Weise in der NS-Zeit die Nazis unterstützt.

Kassel. Die früheren Kasseler SPD-Oberbürgermeister Karl Branner, Willi Seidel und Lauritz Lauritzen waren keine NS-Verbrecher, aber sie hatten sich von 1933 bis 1945 mit den Nationalsozialisten arrangiert und dienten diesen.

Nach dem Krieg ließen sie eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Schuld vermissen. Dies ist das Ergebnis einer von der Stadt beauftragten Studie, die sich mit der Vergangenheit der Stadtoberhäupter beschäftigt und am Montag erscheint. Die HNA konnte bereits vorab einen Blick hineinwerfen.

Ende 2013 war die Debatte um die NS-Verstrickungen der längst verstorbenen Oberbürgermeister aufgeflammt. Auslöser war ein Buch der Kasseler Historiker Jens Flemming und Dietfrid Krause-Vilmar. In einer Fußnote war darin zu lesen, dass Branner NSDAP-Mitglied war und NS-Organisationen angehörte und Lauritzen der SA beigetreten war.

Dieser Fakt war bereits zuvor publiziert worden – aber der breiten Öffentlichkeit bis dato unbekannt. Auch durch HNA-Berichte entstand Ende 2013 eine öffentliche Debatte, die dazu führte, dass die Stadt eine Studie in Auftrag gab.

Über ein Jahr waren die Marburger Historikerin Sabine Schneider und die Professoren Eckart Conze (Marburg), Flemming und Krause-Vilmar mit der Rekonstruktion der Politiker-Biografien beschäftigt, die sie auf 216 Seiten darstellen. Dazu werteten sie nicht nur Akten aus, sondern auch Tagebücher.

Vor dem Hintergrund der Studie erscheinen die Würdigungen des einst sehr beliebten Branner – der Kassels einziger Ehrenoberbürgermeister ist und nach dem eine Brücke und eine Rathaushalle benannt sind – fragwürdig. Auch die Benennung des Jugendhauses nach Willi Seidel und dessen Ehrenbürgerschaft wird zu hinterfragen sein. Lauritzen gilt aus Forschersicht als am wenigsten belastet.

Oberbürgermeister Bertram Hilgen will am Montag die Studie den Stadtverordneten zur Verfügung stellen. Am 18. Mai, 20 Uhr, soll die Untersuchung öffentlich von den Autoren im Bürgersaal des Rathauses vorgestellt werden.

Zwar soll Hilgen sich bereits eine Meinung gebildet haben, wie er mit dem Gedenken an seine Vorgänger und mögliche Umbenennungen von Bauwerken umgehen will, doch will er sich vorerst dazu nicht öffentlich äußern. Zunächst will er mit Fraktionen und Bürgern ins Gespräch kommen. Die Wissenschaftler selbst geben in ihrer Studie keine klare Empfehlung zum heutigen Umgang mit den drei Kasseler Persönlichkeiten ab – dies war aber auch nicht gefordert.

• Nächste Woche ist die Studie als Buch unter dem Titel „Vergangenheiten - Die Kasseler Oberbürgermeister Seidel, Lauritzen, Branner und der Nationalsozialismus“ (Schüren Verlag) im Buchhandel erhältlich. Preis: 19,90 Euro. ISBN: 978-3-89472-241-8.

Karl Branner

• Karl Branner (1910-1997) war von 1963 bis 1975 SPD-Oberbürgermeister.

• Ehrungen: Ehrenbürger und Ehrenoberbürgemeister. Die Karl-Branner-Brücke und die Karl-Branner-Seitenhalle im Rathaus sind nach ihm benannt. Er wurde unter anderem mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Zudem wurde er Ehrensenator der damaligen Gesamthochschule (heute Uni Kassel).

Was für ihn spricht:

Karl Branner. Fotos: HNA-Archiv

• 1943/44 fand gegen ihn ein Kriegsgerichtsverfahren wegen Wehrkraftzersetzung statt. Als Soldat soll er Kameraden angehalten haben, die Wehrkraft zu mindern. Eine zunächst zehnmonatige Freiheitsstrafe wurde auf einen Stubenarrest herabgestuft.

• In jugoslawischer Kriegsgefangenschaft war er führend im Antifa-Ausschuss aktiv, der sich mit der Umerziehung befasste.

• Beim Entnazifizierungsverfahren 1949 hat er seine NSDAP-Mitgliedschaften eingeräumt.

Was gegen ihn spricht:

• Er trat nach der Machtergreifung der Nazis am 1. Mai 1933 der NSDAP bei. Zudem wurde er Mitglied der Motor-SA und des stramm antisemitischen NS-Rechtswahrerbundes, in dem er führend tätig war.

• Er war von 1934 bis 1937 im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund tätig.

• Er schrieb bei einem ausgewiesenen Nazi, Dr. Klaus Wilhelm Rath, an der Göttinger Uni seine volkswirtschaftliche Promotion. In dieser tauchen judenfeindliche Äußerungen auf und zudem sind jüdische Autoren besonders gekennzeichnet - obwohl dies von der Uni nicht vorgeschrieben war. Branner übernahm Raths völkisch-weltanschaulichen Ansatz. Rath hatte die „Verjudung des wirtschaftlichen Denkens“ postuliert. Branner beschreibt die Weltanschauung der Nazis in seiner Promotion als zukunftsweisend.

Willi Seidel

• Willi Seidel (1885-1976) war von 1945 bis 1954 im Amt.

• Ehrungen: Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik, Ehrenbürger der Stadt, Haus der Jugend ist nach ihm benannt.

Was für ihn spricht:

• Er wurde von der amerikanischen Militärregierung zum Oberbürgermeister ernannt, weil er aus deren Sicht als unbelastet galt. Es fand zuvor aber keine tiefere Überprüfung statt.

• Ein SPD-Mitglied verfasste für ihn ein Entlastungsschreiben.

• Einige Jahre nach seiner Amtsübernahme bekannte er sich deutlicher zur Demokratie.

Was gegen ihn spricht:

Willi Seidel

• Ob er Mitglied der NSDAP war, lässt sich nicht zweifelsfrei klären, weil seine Personalakten aus der Zeit von 1937 bis 1945 verschwunden sind. Er gab aber zu, einen Aufnahmeantrag gestellt zu haben. Seidel behauptete, seine Aufnahme sei abgelehnt worden. Es gibt aber einen Brief der Kasseler NSDAP, in dem er als „Parteigenosse“ angeschrieben wird.

• Er arbeitete während der NS-Zeit als leitender Beamter im Rathaus und sorgte für die Umsetzung nationalsozialistischer Stadtpolitik. Er war organisatorisch mit der Verwaltung der Kriegsgefangenenlager für Ausländer betraut, die Terror und Unterdrückung des NS-Staats unterworfen waren. Zudem war er verwaltungstechnisch mit der Einrichtung von „Judenhäusern“ befasst. In diesen wurden Juden, die ihr eigenes Wohneigentum aufgeben mussten, auf beengtem Raum untergebracht.

• Nach dem Krieg machte sich Seidel für die Rehabilitierung mehrerer NS-belasteter Beamter stark, damit diese ihren Dienst wieder aufnehmen konnten. Für ehemalige Bedienstete, die von den Nazis aus dem Amt gejagt worden waren, setzte er sich hingegen nicht derart ein.

• Seidel wollte ab 1945 auch Juden und andere Naziopfer zu Arbeitsdiensten für den Wiederaufbau der Stadt verpflichten.

Lauritz Lauritzen

• Lauritz Lauritzen (1910-1980) war von 1954 bis 1963 SPD-Oberbürgermeister.

• Ehrungen: Ehrenplakette der Stadt in Gold, Großes Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik.

Was für ihn spricht:

• Er war bis zur Machtergreifung der Nazis in der SPD und ließ sich nie allzu sehr mit der NSDAP ein.

Lauritz Lauritzen

• Nach dem Krieg setzte er sich als Mitarbeiter des niedersächsischen Innenministeriums für Wiedergutmachungsverfahren in Fällen von Nazi-Unrecht ein. Als späterer hessischer Justizminister forderte er die Aufklärung von NS-Verbrechen.

Was gegen ihn spricht:

• Er war Mitglied im SA-Marinesturm und nach eigener Aussage auch der Reiter-SA beigetreten. Dort galt er als „guter Nationalsozialist“.

• Vor seinem zweiten Staatsexamen wurde dem angehenden Juristen sein Einsatz für die Ziele der NSDAP bestätigt.

• Er reflektierte sein Handeln während der NS-Zeit später nie kritisch in der Öffentlichkeit.

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