Einhorn-Apotheke in der Innenstadt

Gegengift rettete den Inhaber: Kassels älteste Apotheke wird 335

Im Zweiten Weltkrieg zerstört: Dieses Gebäude an der Unteren Königsstraße war einst von der Stadt gebaut worden. Archivfoto: privat/nh

Kassel. Die Zeugnisse der Geschichte von Kassels ältester Apotheke füllen einige dicke Aktenordner. Dabei ist ein großer Teil im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen. Heute wird die Einhorn-Apotheke an der Unteren Königsstraße stolze 335 Jahre alt. Und das ist nicht die einzige eindrucksvolle Zahl.

Mehr zur Einhorn-Apotheke gibt es in unserem Regio-Wiki.

Es war Johann Matthias Zielfelder, der 1680 Landgraf Karl schriftlich bat: „Sie wollen gnädigst geruhen und mir die hohe fürstliche Gnade erweisen und mich ... mit einer Concession, eine Apotheke allhier ufzurichten gnädigst begnadigen.“ Am Markt in der späteren Brüderstraße 15 in einem Fachwerkhaus in der Unterneustadt entstand so mit fürstlichem Segen die erste Kasseler Apotheke, die in den folgenden Jahren verschiedene Besitzerwechsel erlebte.

Gewann Schlangengift für die Arzneiherstellung: Wolf Dieter Hellwig. Foto: privat/nh

1814 fasste die Erbin des Apothekers Dr. Konrad Moens den großherzigen Entschluss, das Haus samt Apotheke der Stadt zu überschreiben. So kam es, dass die Einhorn-Apotheke bis 1884 insgesamt 70 Jahre lang die Armen-Apotheke der Stadt war und die späteren Pächter Armen-Arzneien zu einem 30-prozentigen Rabatt abzugeben hatten.

In diese Zeit fällt der Umzug der Apotheke an die Königsstraße im Jahr 1866. An diesem Standort kann die Einhorn-Apotheke im kommenden Jahr ihr 150. Jubiläum feiern. Auch darauf ist Familie Hellwig stolz, die seit 1888 nunmehr in der fünften Generation die Apotheke betreibt. „Es hat sich immer einer gefunden“, sagt Eva Schmidt-Hellwig (70), die die Leitung im vergangenen Jahr in die Hände ihres Sohnes Alexander Schmidt-Hellwig (34) gab.

Dessen Urgroßvater Wolf Hellwig hatte 1919 nach Robert Arthur Hellwig die Apotheke übernommen. Er war berühmt durch seine Sammlung historischen Apothekeninventars und als jüngster pharmazeutischer Regierungsbevollmächtigter. Viele Kasseler erinnern sich noch an dessen Sohn Wolf Dieter Hellwig, der die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Apotheke nach 1945 an der Unteren Königsstraße 73-75 wieder neu aufbaute. Der Pharmazeut züchtete Reptilien, und sein Serpentarium war zu bestimmten Zeiten für Besucher geöffnet. Aus den Giftzähnen seiner vielen Schlangen gewann er den Grundstoff für Gegengifte, die die Behring-Werke Marburg herstellen. Ein solches Gegengift rettete ihm 1958 das Leben, als ihn eine Levanteotter beim Füttern in die Hand biss, was die Zeitung damals groß berichtete.

Zwei Generationen: Eva und Alexander Schmidt-Hellwig. Foto: Heise-Thonicke

1974, nachdem ihr Vater gestorben war, übernahm Eva Schmidt-Hellwig den Familienbetrieb, der in der Folge stetig erweitert wurde. So wurden 1990 auch die dahinterliegenden Räume des ehemaligen Centrums-Kinos, das Eva Schmidt-Hellwig in ihrer Jugend so gerne besuchte, mit hinzugenommen.

Die moderne Apotheke beschäftigt heute 45 Mitarbeiter, nachdem seit Kurzen auch die Dez-Apotheke übernommen wurde, und hält rund 46 000 Packungen vor, die in einem vollautomatischen Warenlager verwaltet werden, wie Schmidt-Hellwig erläutert.

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