Sprachdefizite und bürokratische Hemmnisse

Einstellung von Flüchtlingen als Arbeitnehmer: Ohne Deutsch geht nichts

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Rheinmetall-Flüchtlingswerkstatt: Unser Foto zeigt (von links) die Bewerber Ibrahim Mohamad Scheike (23), Almhmd Jamen (23), Muhannad Kraiz (28), Ahmad Alsaai (24), Nawazshareef Maruf (24), Asmeron Mogas (19), Bidr Sarhad (23), Projekteiter Thomas Noll, Ausbilder Philipp Ziegengeist und Bijan Otmischi vom Landkreis Kassel. 

Kassel/Kaufungen. Projektleiter Thomas Noll hat in diesen Tagen alle Hände voll zu tun.

In gut fünf Wochen muss die unscheinbare Halle in Kaufungen-Papierfabrik, die bis vor Kurzem noch einen Automatisierungsspezialisten beherbergt hat, fertig eingerichtet sein: Büros, eine große Kfz-Werkstatt, Schulungs- und Sozialräume, Umkleidekabinen und Materiallager. Denn ab September wird der Heerestechnik-Hersteller und Autozulieferer Rheinmetall dort in einem bundesweiten Pilotprojekt acht Flüchtlinge mit Bleibeperspektive zu Kfz-Mechatronikern und 20 weitere zu Schweißern für den freien Markt ausbilden. 

Das Auswahlverfahren läuft. Unter den Bewerbern sind junge Syrer, Afghanen, Iraner, Iraker und Algerier. „Viele Unternehmen stellen Kriegsflüchtlinge für Helfertätigkeiten oder als Praktikanten ein, aber wir wollen richtig ausbilden und den Teilnehmern eine attraktive berufliche Perspektive verschaffen“, sagt Noll. Einfach wird das nicht. Das weiß der 45-jährige Kasseläner, der 2007 zu Rheinmetall kam. Und das liegt nicht nur an den kulturellen Unterschieden sowie sprachlichen und schulischen Defiziten der Flüchtlinge. Zu schaffen macht den Initiatoren auch die komplizierte Rechtslage zur Beschäftigung von Neumigranten. Da greifen Aufenthalts-, Arbeits-, Mindestlohn- und Sozialrecht ineinander. Die erste Euphorie vieler Arbeitgeber ist angesichts der Rechtslage und des bürokratischen Aufwands längst Ernüchterung gewichen. Gerade kleine Betriebe können sich den personellen, zeitlichen und finanziellen Aufwand, den Rheinmetall in Kaufungen betreibt, gar nicht leisten.

Aber Noll und Rheinmetall haben Erfahrung mit der schwierigen Materie. 222 Algerier wurden unlängst mithilfe des Berufsbildungszentrums des nord- und osthessischen Handwerks in Kassel am Bau von Fuchs-Radpanzern geschult und ausgebildet. Noll war auch hier Projektleiter. Jetzt montieren die Algerier mit deutscher Hilfe Fahrzeuge dieses Typs in einem Rheinmetall-Werk in ihrer Heimat.

Die Lehrwerkstatt in Kaufungen gilt auch bundesweit als Vorzeigeprojekt. Denn bislang gibt es kaum Arbeits- oder Ausbildungsverträge mit Flüchtlingen der jüngsten Welle. Seit Herbst 2015 haben die 30 Dax-Konzerne im Land gerade 54 feste Jobs für diese Gruppe geschaffen, davon allein die Deutsche Post 50. Und allesamt sind Helferjobs, bei der Post etwa als Zusteller. Und von 2700 avisierten Praktikantenstellen sind nach Recherchen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) gerade 500 besetzt - auch wegen mangelnder Sprachkenntnisse und Berufsqualifikationen der Zielgruppe. Viele Flüchtlinge sind auch in ihrer Muttersprache Analphabeten.

Rheinmetall-Sprecher Oliver Hoffmann will nicht ausschließen, dass Rheinmetall sein Wissen und seine Erfahrung aus dem anstehenden Pilotprojekt später an andere Unternehmen weitergibt.

Rheinmetall in Kassel

Der Rheinmetall-Standort Kassel ist das konzernweite Kompetenzzentrum für Radpanzer sowie Entwickler und Lieferant von Komponenten für Kettenfahrzeuge aller Art. Bedient werden Schwesterwerke und der Projektpartner Krauss-Maffei Wegmann (KMW), mit dem Rheinmetall nahezu alle militärischen Großaufträge gemeinsam abwickelt. In Kassel werden aber nicht nur Fahrzeuge und Komponenten gebaut, sondern auch instand gesetzt und modernisiert. Die aktuelle Auftragslage ist gut.

Rheinmetall gliedert sich in zwei Sparten: Rüstungs- und Verteidigungtechnik sowie Autozulieferung. 2015 setzte der im MDax der mittelgroßen Werte notierte Konzern mit weltweit 22 600 Mitarbeitern fast 5,2 Milliarden Euro um und erzielte einen Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 287 Millionen Euro.

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