Erinnerungen an Elisabeth Selbert: Zur Erholung gab es Gartenarbeit

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Spaß an der Gartenarbeit: Das Foto im Garten der Familie Selbert wurde 1952 aufgenommen.

Kassel. Elisabeth Selbert ist wohl die bedeutendste Frau Kassels gewesen. Kürzlich erschien ein neues Buch über die Juristin und Politikerin, das auch private Einblicke in das Leben jener Frau gibt, der wir die Verankerung der Gleichberechtigung im Grundgesetz zu verdanken haben.

Stolze Großeltern: Elisabeth und Adam Selbert mit ihrem Enkelsohn Axel im Jahr 1953. Axel Selbert arbeitet als Anwalt in Kassel und ist Fraktionsvorsitzender der Kasseler Linke in der Stadtverordnetenversammlung.

Elisabeth Selbert sei sicherlich keine Großmutter gewesen, wie man sich als Kind vielleicht eine Großmutter vorstelle. Sie habe ihr nicht das Häkeln und Stricken beigebracht, wie man einen Apfelkuchen backt oder einen Braten zaubert, schreibt Susanne Selbert in dem neu erschienenen Buch „Elisabeth Selbert und die Gleichstellung der Frauen“. „Aber erwachsen geworden, stelle ich fest, wie viel Bedeutsames sie uns mitgegeben hat. Dazu gehören insbesondere Einsatz für die demokratischen Grundprinzipien, Engagement für soziale Gerechtigkeit sowie Toleranz und Mut“, hat Susanne Selbert festgehalten. Um sich von der Arbeit in der Kanzlei zu erholen und zu entspannen, sei ihre Großmutter am liebsten in den Garten gegangen.

In einem Kapitel liefert die Vizelandrätin des Landkreises Kassel auch ganz private Einblicke in das Leben ihrer Großmutter. Sie berichtet von dem zwar bescheidenen Haus, das ihre Großeltern gekauft hatten, das aber einen großen Garten hatte. Sie schreibt von den sonntäglichen Ausflügen der ganzen Familie zu der Großmutter am Brasselsberg.

Zwei Politikerinnen und Sozialdemokratinnen: Elisabeth Selbert mit ihrer Enkelin Susanne Selbert, der heutigen Vizelandrätin des Landkreises Kassel. Das Foto entstand 1984.

Der Kasseler Anwalt und Kommunalpolitiker Axel Selbert (63), der neben fünf Enkeltöchtern einzige Enkelsohn von Elisabeth und Adam Selbert, erinnert sich gern an die Weihnachtsfeste bei seinen Großeltern. Die ganze Familie, bis zu 15 Personen, hätten Heiligabend in dem Haus am Brasselsberg verbracht, in dem Elisabeth Selbert bis zu ihrem Tod im Jahr 1986 lebte. Axel Selbert erinnert sich daran, dass er als Dreijähriger von seinen Großeltern einen Holzbauernhof bekam, ein Jahr später lag eine elektrische Trix-Eisenbahn unterm Baum. Seine Großmutter habe auch großen Wert darauf gelegt, dass alle zusammen Weihnachtslieder sangen und die Kinder Krippenspiele vorführten. Gemeinsame Kirchenbesuche gab es an Weihnachten aber nicht. „Ich habe keine besondere Religiosität an meiner Großmutter ausmachen können“, sagt Axel Selbert. Ihr Interesse sei eher künstlerischer Art gewesen. „Sie hat sich Kirchen gern von innen angeschaut und hatte eine Sammlung von Ikonen.“

Anders als seine jüngere Schwester Susanne kann sich Axel Selbert daran erinnern, dass seine Großmutter auch im Haushalt anpackte, eine Schürze trug und Äpfel schälte. Den Haushalt der Juristin Selbert führte aber hauptsächlich ihre Großnichte Anneliese Kratzenberg.

Mutter und Tochter: Elisabeth Selbert mit Elisabeth Rohde. Das Foto wurde um 1953 aufgenommen.

Axel Selbert erinnert sich zudem an die politischen Debatten, die er mitseiner Großmutter später über den Vietnamkrieg und Kriegsdienstverweigerung führte. Über ihre eigene Kindheit habe sie ihm nicht so viel erzählt. Selbert ist sich aber sicher, dass seine Großmutter Glück hatte, dass sie nur drei Schwestern hatte. „Wer weiß, ob sie zu Hause so gefördert worden wäre, wenn sie einen Bruder gehabt hätte.“

„Elisabeth Selbert und die Gleichstellung der Frauen“ - so heißt ein Buch (euregio-verlag, 160 S., 20 Euro), das an die Anwältin, SPD-Politikerin und Ehrenbürgerin (1896-1986) erinnert. Mitherausgeber ist Hans Eichel. 

Nur Mädchen 

Elisabeth Selbert (1896 bis 1986) war eine der vier „Mütter des Grundgesetzes“. Die Aufnahme der Gleichberechtigung in den Grundrechteteil der deutschen Verfassung war zum großen Teil ihr Verdienst.

Der einzige Enkelsohn: Axel Selbert

Elisabeth Rohde wuchs als zweite von vier Töchtern in einer christlich orientierten Familie in der Unterneustadt auf. 1918 lernte sie ihren späteren Ehemann, den Buchdrucker und Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrates, Adam Selbert, kennen. Er förderte Elisabeth Rohdeund nahm sie auf politische Veranstaltungen mit. Ende 1918 trat sie in die SPD ein. 1920 heiratete sie Adam Selbert. Ein Jahr später wurde das erste Kind geboren, kurz darauf folgte der zweite Sohn. Im Selbststudium bereitete sich Selbert auf das Abitur vor, das sie 1925 an der Luisenschule in Kassel als Externe nachholte. Danach studierte sie zunächst an der Universität Marburg als einzige Frau Rechts- und Staatswissenschaften. Kurz darauf wechselte Selbert an die Universität Göttingen.

1946 wurde Selbert in die Verfassungsberatende Landesversammlung für Groß-Hessen und 1948 in den Parlamentarischen Rat gewählt. Ende der 1950er-Jahre zog sich Selbert, die Mitglied des Hessischen Landtags gewesen war, aus der Politik zurück. Sie arbeitete wieder als Rechtsanwältin in ihrer Kanzlei in Kassel. Diese betrieb Selbert noch bis zu ihrem 85. Lebensjahr.

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