Keiner weiß, wann Schluss ist

Erstaufnahmen für Flüchtlinge: Betreiber und Personal in der Schwebe

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Wird geschlossen: Die Erstaufnahme-Einrichtung in der ehemaligen Lüttich-Kaserne an der Johanna-Vogt-Straße.

Kassel. Seit über einer Woche steht fest, dass die beiden Erstaufnahme-Einrichtungen für Flüchtlinge auf der Marbachshöhe schließen werden.

Nach wie vor ist aber unklar, wann in den Unterkünften an der Druseltalstraße (Veterinäruntersuchungsamt) und an der Johanna-Vogt-Straße (Lüttich-Kaserne) tatsächlich Schluss sein soll. Über 150 Mitarbeiter dürften betroffen sein und hängen nun in der Schwebe. Die genaue Zahl der Beschäftigten in den beiden Einrichtungen konnte das Regierungspräsidium auf Anfrage nicht nennen.

Wie berichtet, will das Land Hessen angesichts der gesunkenen Flüchtlingszahlen einen Teil der Erstaufnahmen schließen oder nur noch als Reserve behalten. Ein entsprechendes Standortkonzept hatte das Sozialministerium vor zehn Tagen vorgestellt. Die Umsetzung werde nun nach und nach angegangen, hieß es auf HNA-Nachfrage beim Ministerium. Die Zeitpunkte, wann die einzelnen Unterkünfte schließen, seien sehr unterschiedlich, sie hingen unter anderem von Vertragslaufzeiten ab. Konkrete Termine gebe es für die Kasseler Standorte noch nicht. Man werde aber alle Betroffenen frühzeitig informieren.

Die Unterkunft in der Druseltalstraße – dort sind noch 92 Flüchtlinge untergebracht – wird vom DRK Hofgeismar betrieben. Allein beim Roten Kreuz werden mit der Schließung 15 Vollzeitstellen wegfallen. Hinzukommen Mitarbeiter von Sicherheitsdienst, Catering und Dolmetscher. Sie alle wissen nicht, ob sie noch wenige Wochen oder einige Monate gebraucht werden. Mitarbeiter weiter motiviert

Betreiber der Einrichtung in der ehemaligen Kaserne an der Johanna-Vogt-Straße, wo derzeit noch 77 Flüchtlinge leben, ist das DRK Kassel-Wolfhagen. „Wir wissen nichts, außer dass wir irgendwann zugemacht werden“, sagt Geschäftsführer Holger Gerhold-Toepsch. Die Mitarbeiter hingen in der Luft. Die Stimmung sei trotz der Unsicherheit noch erstaunlich gut,, berichtet Gerhold-Toepsch: „Alle sind motiviert bei der Arbeit.“ Sobald das Land den Betreibervertrag kündigt, müsse man den 22 Mitarbeitern kündigen – nur einige könne man womöglich bei der Hausnotrufzentrale des DRK weiterbeschäftigen. Für den Betreibervertrag sei mit dem Land ein Sonderkündigungsrecht von einem Monat vereinbart – so viel Zeit bleibt allen Beteiligten im schlimmsten Fall also, sich auf die endgültige Schließung einzustellen. Mitarbeiter, die jetzt schon eine Jobalternative hätten, die werde er gehen lassen, so der DRK-Chef. Sollte sich der Schwebezustand länger hinziehen und viele Mitarbeiter abspringen, könnte das zu Engpässen führen. Noch seien aber alle an Bord.

Ab Juli werden alle verbleibenden Erstaufnahmen in Hessen zentral vom Regierungspräsidium Gießen gesteuert (bisher war das Kasseler RP für Nordhessen zuständig). Es gibt Befürchtungen, dass dies die Zusammenarbeit vor Ort insbesondere mit ehrenamtlichen Initiativen erschweren könnte.

Hintergrund: Feuerwehrschule ist schon dicht

Zuletzt gab es acht Erstaufnahme-Einrichtungen in Stadt und Kreis Kassel. Eine Übersicht.

Diese Standorte bleiben aktiv:

• Niederzwehren, Bereitschafts-Polizeigelände (Kapazität: 600 Plätze)

• Fuldatal-Rothwesten, Fr.-Erler-Anlage (500 Plätze)

• Calden, alter Flugplatz (aktuell 500 Plätze, soll ausgebaut werden auf bis zu 1500 Plätze)

Als Reserve bleibt erhalten:

• Lohfelden, ehem. Gartencenter (750 Plätze)

Geschlossen werden:

• Landesfeuerwehrschule an der Dönche (seit Anfang April geschlossen)

• ehemalige Lüttich-Kaserne, Johanna-Vogt-Straße

• Veterinäruntersuchungsamt, Druseltalstraße

• Hofgeismar-Beberbeck

Kurz erklärt: Darum braucht die Stadt noch Unterkünfte

Während das Land viele seiner Erstaufnahmen für Flüchtlinge schließt, schafft die Stadt Kassel noch neue Unterkünfte (siehe Titelseite). Wie passt das zusammen? Dazu muss man wissen, dass die Flüchtlinge aus der Erstaufnahme in der Regel nach einigen Wochen weiterverteilt werden auf die Kommunen. Weil derzeit relativ wenige Flüchtlinge in Deutschland ankommen, leeren sich die Erstaufnahmen also. Die Kommunen hingegen können die Asylbewerber nicht „weitergeben“. Die Menschen bleiben in der Regel so lange in den kommunalen Wohnheimen, bis ihr Asylverfahren entschieden ist. Das dauert oft lange. Dann (wenn ein Bleiberecht wahrscheinlich ist auch schon früher) dürfen sie in normale Wohnungen ziehen. Oft müssen Flüchtlinge aber lange suchen, bis sie eine Wohnung bekommen und müssen daher noch länger im Heim bleiben. Daher gibt es nur wenig Fluktuation und die Stadt muss viele Plätze vorhalten.

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