Erzieher: Steigende Anforderungen führen häufiger zu Ausfällen

Ein anspruchsvoller Beruf: Erzieherin Nicole Bober von der Kita Kunterbunt Kassel in Wehlheiden mit (von links) Jonas, Johannes, Ryan, Lea und Henriette. Foto: Schachtschneider

Kassel. Über 1000 Erzieherinnen und Erzieher arbeiten in städtischen, kirchlichen und freien Kindertagesstätten in Kassel.

Sie sind im Schnitt öfter krank als Beschäftigte in anderen Berufen. Stressbedingter Burn-Out und Schwerhörigkeit durch Kinderlärm sind zwei der häufigen Diagnosen. Am Samstag widmet sich ein Fachtag in Kassel den Problemen. Wir beantworten Fragen zum Thema.

Wie groß ist das Problem mit krankheitsbedingten Ausfällen in den Kindergärten? 

Nach einer Studie der Techniker Krankenkasse sind Erzieherinnen im Schnitt häufiger krank geschrieben als Beschäftigte anderer Berufsgruppen. Spezielle Kasseler Zahlen gibt es nicht. Am Beispiel des Horts „Kind und Kegel“ auf der Marbachshöhe ist der Anstieg aber deutlich. Bei 15 Mitarbeitern lag der Krankenstand 2012 bei 132 Krankentagen, 2015 sind es bis jetzt schon 217 Tage bei gleicher Mitarbeiterzahl. Die Erstattungen für Lohnfortzahlungen haben sich seit 2008 mehr als verdoppelt und lagen zuletzt bei 10 000 Euro jährlich.

Wie gehen die Träger der Kitas mit dem Problem um?

Die Zeitarbeit hält in der Kinderbetreuung Einzug. Der Dachverband freier Kindertageseinrichtungen in Kassel (Daktis) hat einen Rahmenvertrag mit einer Zeitarbeitsfirma geschlossen. „Dies war nötig, weil häufig Kitas kurzfristig krankheitsbedingt Personal fehlte und man schnell einen Springer brauchte“, so Antje Proetel, Geschäftsführerin von Daktis.

Welche Folgen hat der hohe Krankenstand? 

Vor allem kleine Einrichtungen könnten oft gar nicht öffnen, wenn nur eine oder zwei Personen fehlten, so Proetel. Denn der Betreuungsschlüssel liege bei 1,75 Stellen für Gruppen bis zu 25 Kindern (im U3-Bereich zwei Stellen).

Was sind die Ursachen für den hohen Krankenstand? 

Diese sind vielfältig: Eine Ursache sei das steigende Durchschnittsalter des Personals, so Proetel. Jahrelanges Arbeiten unter einem Lärmpegel führe bei immer mehr Kolleginnen zu Hörschäden. Deshalb arbeiteten nun zahlreiche Kitas am Schallschutz. Neben Skeletterkrankungen - etwa durch das häufig Heben der Kinder - sei vor allem der Stress ein wachsendes Thema. Burn-Out sei oft die Folge.

Ein weiterer Auslöser des hohen Krankenstands sei der berufsbedingte Druck der Eltern, ihre Kinder in der Kita abgeben zu können. So würden oft Kinder in die Kita gebracht, die krank sind. Dabei steckten sie andere an.

Womit hat der hohe Stress-pegel zu tun? 

Mit den steigenden Erwartungen an die frühkindliche Bildung wachse der Druck auf die Erzieherinnen, sagt Proetel. Seit diesem Jahr müssten sich alle Kitas verpflichtend am Kinderförderungsgesetz orientieren. Damit gelte es, Erziehungspläne umzusetzen: Interkulturelle Kompetenz, Sprachen, Naturwissenschaften - all dies sei nun auch in Kitas gefordert. „Bei vielen Erzieherinnen gab es da erstmal eine Abwehrhaltung, weil sie sich überfordert fühlen.“, sagt Proetel. Hinzu kämen steigende Erwartungen der Eltern: Überspitzt gesagt werde von einigen Seiten erwartet, dass Kinder nun auch „Frühchinesisch unter Wasser“ in der Kita lernen.

Auch mit Paarproblemen der Eltern seien Erzieherinnen immer öfter konfrontiert. „Mütter kommen mit verquollenen Augen in die Kita und schütten ihr Herz aus. Die Erzieherinnen müssen sich dem widmen, weil Elternprobleme für die Betreuung der Kinder relevant sind“, sagt Proetel.

Was lässt sich gegen die Ursachen tun? 

Lärm lässt sich mit Schallschutz eindämmen, beim Stress ist die Sache komplexer. Dr. Timo Nolle vom Bereich Lern- und Prüfungscoaching der Uni Kassel gibt Erziehern beim Fachtag Tipps zum richtigen Umgang mit Stress. Dieser entstehe bei scheinbar unlösbaren Aufgaben. Um Stress abzubauen, müsse das Personal entweder akzeptieren lernen, dass nicht alle Problemelösbar sind oder neue Lösungswege suchen, so Nolle. Die geringe Wertschätzung für Erziehungsberufe, die sich auch in der Bezahlung ausdrücke, sei ebenfalls ein Faktor.

Fachtag Gesundheit, 21. November, Kulturbahnhof, Südflügel. Infos:  www.dakits.de

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