Weltlicher Beistand im Amt

Evangelischer Pfarrverein Kurhessen-Waldeck feiert sein 125-jähriges Bestehen

Auch für ihre Interessen setzte sich der Pfarrverein ein: Unser Bild von 1904 zeigt angehende Pfarrer der Evangelischen Kirche am Predigerseminar Hofgeismar, in ihrer Mitte deren Direktor Albert Klingender. Foto: Landeskirchliches Archiv Kassel / nh

Kassel. Der gute Draht nach oben reicht selbst für Pfarrer nicht immer aus. Seit 125 Jahren springt der Pfarrverein Kurhessen-Waldeck in weltlichen Belangen für Pfarrer ein und unterstützt sie bei der Ausübung ihres Berufs. 1891 wurde er als „Pfarrerverein für den Konsistorialbezirk Cassel“ (ein Vorläufer der heutigen Landeskirche) als Interessenvertretung „des geistlichen Amtes und Standes“ gegründet.

Die Lebensrealität von Pfarrern war damals noch eine andere. Rechtlichen Beistand gegenüber der Obrigkeit zu gewähren, war eins der Hauptanliegen des Vereins. Die Trennung von Kirche und Staat war damals noch Zukunftsmusik, bis 1918 war Kaiser Wilhelm oberster Dienstherr der Pfarrer.

Aber auch die fehlende Versorgung von Witwen und Waisen galt es zu verbessern. Damals war es noch üblich, dass eine Tochter im Pfarrhaus bleiben musste, um die Eltern im Alter zu pflegen. Nach dem Tode war sie unversorgt – und selbst nicht mehr im besten Alter für eine Heirat. Die Töchterhilfe gab es noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg, erzählt Pfarrer Werner Dettmar (86), neben Lothar Grigat einer der früheren Vereinsvorsitzenden.

Neben materieller Hilfe ging es von Beginn an auch um den theologischen Austausch. So wurden ein Pastoralblatt herausgegeben (heute: Pfarrblatt) und Pfarrertage organisiert, als es den Begriff berufliche Fortbildung noch nicht gab.

Bis heute versteht sich der Verein, der am Freitag sein Jubiläum feiert, im gewerkschaftlichen Sinn als Stimme der Pfarrer. Mehr als 90 Prozent der Pfarrer in Kurhessen-Waldeck gehören dem Verein an, schätzt der heutige Vorsitzende Frank Illgen. Insgesamt hat der Verein 1170 Mitglieder. Auf seine Initiative entstand vor 42 Jahren auch die Pfarrvertretung der Evangelischen Landeskirche – gewissermaßen als Betriebsrat. Auch wenn die Besoldung und Versorgung von Pfarrern heute gut geregelt ist, bietet der Pfarrverein weiterhin auch finanzielle Unterstützung. Vikaren bietet er Beihilfen zu Anschaffung des Talars. Um die 1000 Euro kostet die Dienstkleidung für Pfarrer. Auch bei der Geburt eines Kindes, Antritt der ersten Dienststelle und beim Übergang in den Ruhestand gibt es Hilfen, um außergewöhnliche Ausgaben zu bewältigen. Finanziert wird das aus den Mitgliedsbeiträgen (0,4 Prozent des Grundgehalts). Sogar über drei Häuser in Kassel und Marburg verfügt der Verein, darunter eins mit der bezeichnenden Adresse „Im Paradies“. Die 23 Wohnungen vermietet er an emeritierte Pfarrer und Witwen, die nach dem Auszug aus dem Pfarrhaus eine Bleibe brauchen.

Zwei weitere „Erfindungen“ des Pfarrvereins sind die Feier von Ordinationsjubiläen sowie die Gedenkschrift „In Memoriam“ mit Nachrufen auf verstorbene Pfarrer. Dass man Mitarbeitern auf diese Weise Wertschätzung entgegenbringt, hat auch die Landeskirche erkannt, die beide Ideen übernommen hat.

Pfarrtag: Kirche und Pfarrverein in der Nachkriegszeit

Der Pfarrverein feiert sein 125-jähriges Bestehen bei einem Pfarrtag am Freitag, 29. April, im Haus der Kirche in Kassel, Wilhelmshöher Allee 330. Der Festvortrag von Prof. Dr. Jochen-Christoph Kaiser ab 10.30 Uhr ist öffentlich. Thema: „Vom Nationalsozialismus zur Demokratie: Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck und der Pfarrverein Kurhessen-Waldeck nach 1945“. Der Marburger Spezialist für Kirchengeschichte hat das Verhältnis von Landeskirche und Pfarrverein in der Nachkriegszeit untersucht.

www.ekkw.de/pfarrverein

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