Jahresbilanz für

Bußgeldstelle zählte fast 1,5 Mio. Verstöße - Die besten Ausreden

Hessens Autofahrer sind offenbar sorgloser am Steuer geworden: Die Zentrale Bußgeldstelle des Regierungspräsidiums Kassel zählte im vergangenen Jahr 1.478.095 Anzeigen. Das waren etwa 77.000 Verkehrsverstöße mehr als noch 2010.

Grund dafür sei nicht eine höhere Kontrolldichte der Polizei, sagte Gabriele Dombois, Leiterin der Bußgeldstelle. Vielmehr gingen die Autofahrer lockerer mit den Verkehrsregeln um. Allein 2011 flossen aus den verfolgten Ordnungswidrigkeiten 72,3 Mio. Euro in den Landeshaushalt. Fast 32.000 Mal wurde der Führerschein eingezogen – 4000 mehr als 2009.

„Es geht uns nicht ums Geld, sondern um eine erzieherische Maßnahme“, sagte Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke bei der Präsentation der Zahlen. Den Großteil der Verfahren machten mit 70 Prozent die Geschwindigkeitsüberschreitungen aus. Bessere Fototechnik Immer häufiger werden Autofahrer mit Handy am Ohr erwischt: 2011 fast 15.000 Mal. Meist würden die Fahrer ertappt, wenn sie geblitzt werden, sagt Bernhard Steinbach, stellvertretender Leiter der Bußgeldstelle. Durch die verbesserte Fototechnik in den Blitzgeräten sei eine Identifizierung der Fahrer inzwischen leichter möglich.

Zudem habe seine Behörde Zugriff auf die Personalausweisbehörde, was einen Abgleich mit dem Ausweisbild ermögliche. Weniger auffällig sind die jungen Autofahrer im Alter zwischen 18 und 24 Jahren. Sie sind nur für sechs Prozent der Bußgelder verantwortlich. Der Grund dafür seien die verschärften Regeln, die für Führerscheinneulinge gelten. „Weil sie nur eine Fahrerlaubnis auf Probe bekommen, sind junge Fahrer im Straßenverkehr zunächst vorsichtiger“, sagt Steinbach. Prominenter wehrte sich Auch einen prominenten Temposünder aus der Unterhaltungsbranche hat die Zentrale Bußgeldstelle im vergangenen Jahr anschreiben wollen. „Dieser Herr hat uns seine Anschrift zum Zustellen des Bußgeldbescheids aber verweigert“, sagt Steinbach. Auch dessen Heimatstadt habe die Adresse mit Verweis auf den Bekanntheitsgrad des Mannes nicht herausgegeben. Deshalb habe das Verfahren eingestellt werden müssen. Ohne Sanktionen sind auch etliche Motorrad-Raser davongekommen.

Dass auf sie nur 0,3 Prozent aller Bußgeldbescheide entfallen, liege daran, dass Motorräder nur hinten ein Nummernschild hätten, aber vielfach nur von vorn geblitzt werde, sagte Steinbach. Eine neue Masche, mit der sich die Mitarbeiter des Regierungspräsidiums beschäftigen, ist die „falsche Verdächtigung“. Dabei werden andere Personen vorgeschoben, den eigenen Verkehrsverstoß begangen zu haben. Meist greifen Autofahrer auf diesen Trick zurück, die kurz vor einem Führerscheinentzug stehen. Im Internet bieten dubiose Agenturen ihre Dienste an. Sie vermitteln andere Führerscheininhaber, die für Geld die Schuld auf sich nehmen. „Unsere Sacharbeiter sind sensibilisiert, solche Betrügereien aufzudecken“, sagt Steinbach. Hessenweit gehe es um Fälle im zweistelligen Bereich.

Die besten Ausreden

In der Hoffnung, sich einer hohen Geldstrafe oder gar dem Führerscheinentzug entziehen zu können, denken sich Verkehrssünder die absurdesten Geschichten aus. Hier eine Auswahl der schönsten Ausreden aus dem vergangenen Jahr.

• Autofahrer, die mit Handy am Ohr in eine Radarfalle geraten sind, hatten vielerlei Erklärungen dafür, was sie da an ihren Kopf gehalten haben. Ein Ertappter sagte aus, er nutze die Fahrzeit zur Arbeit immer für eine ausgiebige Elektrorasur. Ein anderer behauptete, ihm sei sein Hörgerät verrutscht und er habe es neu justieren müssen.

• Ein Autofahrer, der geblitzt wurde, teilte der Bußgeldstelle mit, die Person auf dem Foto sei nicht er. In der Hoffnung auf prüde Polizeibeamte behauptete er weiter, er sei zum Zeitpunkt der Aufnahme im Swingerclub gewesen. Dies könne durch dortige Gäste bestätigt werden - die Polizei müsse sie nur befragen. Allerdings war er so gut auf dem Foto zu erkennen, dass an seiner Identität keine Zweifel bestanden.

• „Mit war jemand zu dicht aufgefahren, deshalb musste ich Gas geben“, sagte ein Mann aus, der ebenfalls von einer Radarfalle ertappt worden war. Auf dem Foto war aber eindeutig zu erkennen, dass direkt hinter ihm niemand fuhr.

• Ein Mann aus dem Ruhrgebiet, der Kassel als Tourist besucht hatte, beschwerte sich in einem Brief an Regierungspräsident Walter Lübcke. In Kassel habe es ihm sehr gut gefallen, aber dass dort Fotos von Gästen gemacht würden, sei nicht sehr nett. Er war auf der Ludwig-Mond-Straße geblitzt worden. (bal)

Von Bastian Ludwig

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