Alle außer Neuankömmlinge profitieren von Konjunktur

Flüchtlinge können  Fachkräftemangel in Kassel vorerst nicht lindern

Er hat es geschafft: Der Flüchtling Michael Telcom aus Eritrea macht gemeinsam mit sieben weiteren Neuankömmlingen ein sechsmonatiges Praktikum in einem Autohaus im thüringischen Nordhausen. Unser Foto zeigt ihn mit Servicetechniker Markus Beck. Foto: dpa

Kassel. Die Konjunktur in Nordhessen brummt und mit ihr der Arbeitsmarkt. Mit Ausnahme von Ausländern profitieren alle Personengruppen von dieser positiven Entwicklung.

Seit 16 Monaten infolge sinkt die Arbeitslosenquote, die im 2015 im Jahresschnitt erstmals seit 30 Jahren unter die Sechs-Prozent-Marke sank. Dass die Gruppe jener, die keinen deutschen Ausweis haben, wächst, hat zwei Gründe. Zum einen hält der Zuzug von Bulgaren nach Kassel unvermindert an – binnen Jahresfrist stieg die Zahl derer, die arbeitslos sind, um 130 auf aktuell 371. Zum anderen drängen die ersten anerkannten syrischen Asylanten vorangegangener Flüchtlingswellen in den Arbeitsmarkt. 418 von ihnen suchten Ende Februar Arbeit – im Vorjahresmonat waren es nur 172.

Diese Zahl dürfte nach Einschätzung des Leiters der Kasseler Arbeitsagentur, Detlef Hesse, ab dem Spätsommer sprunghaft ansteigen, wenn viele Neuankömmlinge dauerhaftes Asyl erhalten. Denn dann steht ihnen der deutsche Arbeitsmarkt nahezu uneingeschänkt offen. Die Arbeitsagentur stellt sich auf diese Welle ein und hat bereits entsprechende Stäbe und Abteilungen sowie Sprachkompetenz aufgebaut. Die Flüchtlinge suchen aber nicht nur Arbeit, sie schaffen auch welche. Der Markt für Pädagogen, Sozialarbeiter, Betreuer, medizinisches Personal, Sicherheits- und andere Dienstleister ist leergefegt.

Fachkräftemangel bleibt

Dass Flüchtlinge aber kurzfristig den Facharbeitermangel lindern oder gar beseitigen könnten, glaubt Hesse indes nicht. Die schnelle Integration bleibe vorerst die Ausnahme, weil die Betroffenen zunächst Deutsch lernen und und die Schule besuchen müssten.

Apropos Fachkräftemangel: Viele Betriebe suchen händeringend qualifiziertes Personal. 3444 Stellen hat die Agentur im Angebot – 885 mehr als vor einem Jahr.

Hesse befürchtet in Einzelfällen sogar „eine vorübergehende Lähmung“ von Betrieben infolge von Fachkräftemangel, der durch die zunehmende „Überakademisierung“ noch verstärkt werde. In diesem Zusammenhang fordert auch Handwerkspräsident Heinrich Gringel seit langem, „mehr Meister statt Master“ auszubilden.

Ältere wieder begehrt

Weil es an jungen Menschen fehlt, greifen Betriebe zunehmend auf ältere Arbeitnehmer zurück. Deren Anteil an der Erwerbslosigkeit sinkt. Und auch die Chancen Langzeitarbeitsloser, also Menschen, die zwölf Monate und länger am Stück ohne Job sind, wieder in Lohn und Brot zu kommen steigt.

Appell: Mehr ausbilden

Aber es ist nicht alles eitel Sonnenschein: Die Hälfte aller Arbeitslosen im Agenturbezirk Kassel hat keine Berufsausbildung. Hesse appelliert in diesem Zusammenhang an Unternehmen, auch Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine Chance auf Ausbildung zu geben, „die auf den ersten Blick nicht überzeugen“.

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