Evangelische und katholische Geistliche erwarten Anstieg

Flüchtlinge suchen Asyl in Kassels Kirchen

Kassel. Flüchtlinge, die von Abschiebung bedroht sind, suchen zunehmend Schutz in Kirchen. Nach Informationen der Ausländerbehörde genießen derzeit etwa 15 Menschen Kirchenasyl im Bezirk des Regierungspräsidiums Kassel.

In der Stadt Kassel halten sich momentan drei Asylsuchende in Räumen von evangelischen Gemeinden auf. Diese Zahl nannte Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck (EKKW), der sich am Samstag mit Vertretern von Gemeinden traf, die Kirchenasyl gewähren.

Öffentlich bekannt werden die Fälle in der Regel nicht. Sowohl die EKKW als auch katholische Gemeinden pflegen ein „stilles Kirchenasyl“, um im Sinne der Betroffenen zu verhindern, dass Behörden zum Eingreifen gezwungen werden. Bischof Hein bezeichnete das als „Akt der Humanität und Barmherzigkeit“. Kirchenasyl dürfe nicht dazu dienen, ab- oder unterzutauchen. „Und Kirchenasyl ist kein Dauerzustand“, sagte Hein.

Angesichts allgemein wachsender Asylbewerberzahlen sei mit einem Anstieg der Anfragen nach Kirchenasyl zu rechnen, schätzen Barbara Heinrich, Dekanin des evangelischen Stadtkirchenkreises, und Dechant Harald Fischer, oberster Geistlicher der katholischen Kirche in Kassel. Allen Kirchenvorständen der evangelischen Gemeinden in Kassel ist deshalb kürzlich ein Leitfaden mit rechtlichen Hinweisen zugestellt worden.

Ob Asyl gewährt wird, entscheide jede Gemeinde vor Ort. „Jeder Kirchenvorstand muss genau wissen, was er tut“, so Dekanin Heinrich. Denn sowohl die rechtlichen wie auch finanziellen Konsequenzen müssten letztlich die Engagierten in den Gemeinden tragen.

Allerdings helfen zentrale Einrichtungen der Kirchen. Bei der EKKW gibt es eine sogenannte Clearingstelle, die in Kontakt mit Juristen steht. Bei der katholischen Caritas vermittelt die Flüchtlingsberatung Ansprechpartner.

842 Menschen halten sich derzeit im Zuständigkeitsbereich des Regierungspräsidiums (RP) Kassel auf, denen eine Abschiebung droht. Im Amtsdeutsch ist in diesen Fällen von „vollziehbar auszuweisenden Asylbewerbern“ die Rede. Wie schnell die Ausweisung vonstattengeht, sei sehr unterschiedlich, sagte RP-Sprecher Michael Conrad. In einigen Fällen könne das „je nach Gesundheitszustand“ mehrere Monate dauern.

Den Kirchen geht es beim Kirchenasyl nicht darum, die jeweiligen Asylverfahren generell infrage zu stellen, sagte Bischof Martin Hein. Vielmehr solle unmittelbare Not gelindert und eine neue rechtliche Beurteilung von Fällen erreicht werden.

Von Claas Michaelis

Rubriklistenbild: © dpa

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