Ein Charter-Flieger pro Woche

Reportage: Asylsuchende fliegen vom Kassel Airport in Heimat zurück

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Abgelehnte Asylsuchende auf dem Weg in den Kassel Airport.

Calden. Die Überbleibsel zerplatzter Hoffnungen stecken in Plastiktüten und ausgebeulten Koffern. Fast 190 Asylsuchende kehrten nun vom Kassel Airport in ihre Heimat zurück.

Wenn sie nicht freiwillig ausreisen, droht den Asylsuchenden aus dem Westbalkan die Abschiebung.

Für die sogenannte freiwillige Ausreise haben sich in Hessen seit Anfang des Jahres mehr als 4000 Menschen entschieden. In Charter-Maschinen, mit enormem Aufwand des Landes organisiert, geht es für sie zurück. Der Flug nach Pristina im Kosovo und weiter ins albanische Tirana soll an diesem Tag um 14.15 Uhr starten. Stunden zuvor stehen die Menschen auf dem Hof der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen und warten auf die Abfahrt zum Flughafen.

Damit das pünktlich klappt, muss Ulrich Monz jetzt den Überblick wahren. Der 69-Jährige ist der Chef eines zwölfköpfigen Teams des Regierungspräsidiums (RP) Gießen, das in Hessen die freiwillige Ausreise organisiert. Er läuft mit Unterlagen umher, spricht mit Busfahrern, prüft, ob alle Essen und Getränke haben, und gibt das Signal zum Aufbruch.

"Diese Menschen bekommen von uns die Chance, kostenlos zurückzukehren", sagt Monz über den schwierigen Auftrag, der ihn trotz jahrelanger Erfahrung und Leitungspostens bei der Ausländerbehörde des Kreises Gießen noch immer hin und wieder betroffen macht. Ende 2012 ging er in den Ruhestand, kehrte aber im Frühjahr zurück, um in der Flüchtlingskrise mit anzupacken. Nun ist Monz der Leiter der "Rückkehrberatungsstelle" beim RP. "Wir müssen nun einmal deutsches Recht umsetzen und abgelehnte Asylbewerber wieder außer Landes bringen." Entweder mittels Abschiebungen und Polizei oder ohne. "Und ich sage: Die zweite Alternative hat auch etwas mit Menschenwürde zu tun. Dass die Betroffenen selbst entscheiden können - auch wenn es ihnen schwerfällt -, dass es besser für sie ist, kraft eigenen Entschlusses zurückzukehren und nicht kraft der Polizei."

In Calden startet derzeit etwa einmal pro Woche ein Charter-Flieger mit ausreisewilligen Asylbewerbern, die kaum Aussicht auf Anerkennung hatten. Albanien und Kosovo gelten mittlerweile als "sichere Herkunftsstaaten".

Das Land Hessen will mit den Flügen - bislang 32 - auch dafür sorgen, dass es in den überfüllten Flüchtlingsunterkünften mehr Platz für Asylsuchende mit Bleibechancen gibt. Die Praxis der freiwilligen Ausreisen stößt bei Flüchtlingsorganisationen wie Pro Asyl auf Kritik: "Es ist im Grunde eine erzwungene Freiwilligkeit", meint der stellvertretende Geschäftsführer Bernd Mesovic.

Asylsuchende aus dem Westbalkan hätten zudem wenig Chancen, in ihren Verfahren individuell gehört zu werden. Gegen elf Uhr am Vormittag kommen die Rückkehrer am wenig frequentierten Regionalflughafen Kassel-Calden an. Dass dort nicht allzu viel los ist, vereinfacht die Abwicklung der Sammel-Ausreisen. Der nächste reguläre Flug hebt erst zwei Tage später Richtung Las Palmas auf Gran Canaria ab, wie auf einem Monitor steht. Ein buntes Banner an der Wand preist Reiseträume an und wirbt mit dem Slogan: "So nah ist Hurghada."

Eine abgelehnte Asylbewerberin steht mit ihrer Stofftasche mit Bad-Hersfeld-Schriftzug auf der Gangway des Kassel Airports.

Ein 31-Jähriger aus dem Kosovo reiht sich vor dem Check-In-Schalter in die Schlange der Wartenden ein, die auf den ersten Blick wie normale Touristen aussehen. Doch da sind die vielen Gepäckstücke, gefüllt mit den Dingen eines erhofften besseren Lebens. Sogar Kinderbettchen sind darunter, Dreiräder oder Waschmittel. Viele Kinder haben Stofftiere dabei. "Ich kam nach Deutschland, weil es keine Arbeit gab, und gehe, weil sie sagen, dass ich nicht bleiben kann", sagt der Mann.

Ein 27-Jähriger aus Albanien berichtet: "Wir hatten Probleme zu Hause mit der Partei." Die Situation sei besser geworden, deswegen reise er aus. Wie es in der Heimat weitergeht für ihn, das weiß er nicht. "Ich werde nun von null starten." Zur Arbeit der "Rückkehrberatungsstelle" gehört es, die Asylsuchenden über die Möglichkeit der freiwilligen Ausreise zu informieren, Werbung dafür zu machen. Monz erklärt: "Wir zeigen die Vorteile einer freiwilligen Ausreise gegenüber Abschiebungen auf, denn dabei können die Leute kaum etwas mitnehmen, insbesondere dürfen sie nur ganz wenig Geld mitnehmen."

Die Betroffenen überzeuge vor allem, "dass Abgeschobene eine Wiedereinreisesperre von bis zu fünf Jahren haben. Bei der freiwilligen Ausreise sind es nur mehrere Monate." So hofft ein 24-Jähriger aus dem Kosovo, bald mit einem Arbeitsvisum zurückkehren zu können. Von Januar an gelten dafür erleichterte Regelungen. "Ich kam nach Deutschland, um ein besseres Leben zu haben", berichtet er. "Zu Hause gibt es keine Arbeit, und wenn du Arbeit hast, bekommst du kein Geld. Man hat kein sicheres Leben dort." Vor einem Jahr klopfte er in Deutschland als Asylsuchender an - nicht zum ersten Mal. In den 1990er Jahren war er schon einmal hier, als junger Bürgerkriegsflüchtling. "Träume gehen immer weiter", sagt er noch. Dann dreht er sich um, geht zur Abflughalle. Vor dem Check-In-Schalter glühen zwei Behördenmitarbeitern vor lauter Konzentration die Wangen. Vor ihnen liegt die Passagierliste.

Sie gleichen einen Namen nach dem anderen ab und händigen den Rückkehrern Kopien ihrer Pässe aus. Die Originale gibt es erst hinter der Sicherheitsschleuse. Es ist schon vorgekommen, dass sich der ein und andere davongemacht hat, wenn es die Papiere vorher gibt. Die RP-Mitarbeiter brauchen nach eigenen Angaben rund eine Woche, um eine Sammel-Ausreise per Flieger abzuwickeln.

Das geht nur in enger Zusammenarbeit mit den beteiligten Behörden in Deutschland und in den Heimatstaaten der Rückkehrer. Zum Job gehört auch, Charter-Flieger zu bestellen - und den besten Preis dafür auszuhandeln. Was so ein Flug kostet, verrät das RP nicht. Nur so viel: Es handelt sich im Schnitt um einen mittleren fünfstelligen Betrag.

Kassel Airport: Asylsuchende kehren im Charter-Flieger heim

Eine tschechische Maschine fliegt die Menschen an diesem Tag zurück. Sie steht startklar auf dem Rollfeld, während ein sperriges Problem auftaucht: Eine Familie hat diverse Koffer und Taschen dabei, erlaubt sind aber nur 25 Kilo Gepäck pro Person. Das passiert immer wieder, weil die Menschen teilweise länger in Deutschland leben, in dieser Zeit Hausrat ansammeln und dann daran hängen.

Gegen 14.00 Uhr geht es zum Flugzeug, ein letztes Winken noch. Neben den 186 Ausreisenden wird auch ein RP-Mitarbeiter und ein Dolmetscher an Bord sein. Eigentlich hätten 203 Albaner und Kosovaren einsteigen sollen, doch wie immer fehlen einige. Die Gründe dafür seien unterschiedlich, sagt Monz. Die einen werden krank, andere entscheiden sich kurzfristig um - oder verschwinden einfach. Das sei auch diesmal der Fall gewesen.

Die Familie mit dem Übergepäck darf doch noch all ihre Habseligkeiten einladen. Doch dann kommt ein neues Problem auf: Das Flugzeug ist viel zu schwer beladen. Weil die Zeit drängt, räumen Mitarbeiter des Flughafens wahllos zahlreiche Koffer wieder aus, ehe die Maschine mit einer halben Stunde Verspätung abhebt. Das Gepäck wird den Menschen nachgeschickt - aus dem dann für sie sehr fernen Deutschland. (dpa)

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