Frühbarocke Hits: Fehlendes Stimmbuch von 1603 aufgetaucht

Wieder zurück in Kassel: Ein seit dem 19. Jahrhundert verschollenes Stimmbuch aus dem Jahr 1603 ist wieder in den Beständen der Universitätsbibliothek. Dr. Brigitte Pfeil von der Unibibliothek und Jochen Faulhammer von Cavata Cassel sind froh darüber. Foto: Ludwig

Kassel. Am Kasseler Hof von Landgraf Moritz (1572-1632) wurde auch schon Musik gespielt, die wir heute wohl als Charthits bezeichnen würden. Einer der seinerzeit europaweit erfolgreichen Komponisten war der heute relativ unbekannte Valentin Haußmann (1560-1614).

Auch am Kasseler Hof gab es dessen fünfstimmige Notenausgabe der „Teutschen Weltlichen Lieder“, die über alle Kriege hinweg in den Kasseler Archiven überdauerte. Nur das fünfte Stimmbuch war seit dem 19. Jahrhundert verschollen - bis jetzt. Im Frühjahr erhielt Dr. Brigitte Pfeil, Leiterin der Sondersammlungen der Universitätsbibliothek, eine E-Mail aus Amerika. Ein Antiquariat auf Long Island bot den Kasselern das fehlende Altus-Stimmbuch (Stimmlage Alt) aus dem Jahr 1603 an. Für 7600 Euro erwarb die Unibibliothek Kassel das Werk. „Damit gehören wir zu weltweit vier Bibliotheken, die eine vollständige Ausgabe besitzen“, sagte Bibliotheksdirektor Dr. Axel Halle. Dass es sich bei dem gekauften Exemplar um das einst in Kassel verschollene handelt, lässt sich zwar nicht eindeutig belegen, gilt aber als wahrscheinlich.

So hörte es sich damals an:

Durch welche Hände das gut erhaltene Stimmbuch in den letzten 400 Jahren gegangen ist, ist nur bedingt rekonstruierbar. Belegt ist, dass es bis 1934 Adalbert Csillag-Blank gehörte, einem jüdischen Bankier vom Balkan. Nachdem sich der Bankier in der Weltwirtschaftskrise das Leben genommen hatte, gelangte das Stimmbuch in den Handel. Doch nicht immer wurde es mit Samthandschuhen angefasst. So befinden sich auf mehreren Seiten Bleistiftkritzeleien von Kindern.

Nachdem das fehlende Puzzleteil nun wieder in Kassel ist, können die Stücke Haußmanns erstmals wieder aufgeführt werden. Der vor vier Jahren gegründete Verein Cavata Cassel, der schon mehrfach jahrhundertelang nicht mehr aufgeführte Musik aus den Archiven der Bibliothek erklingen ließ, hat sich dieser Aufgabe angenommen.

Vereinsleiter Jochen Faulhammer hat mit dem Kammerchor der Kreuzkirche Kassel das wiederentdeckte Liedgut bereits erarbeitet und will es morgen erstmals in der Elisabethkirche erklingen lassen (Hintergrund). „Das sind ganz neue Klangwelten, denen man sich annähern muss“, so Faulhammer. Wie bei heutigen Hits gehe es auch in Haußmanns Liedtexten fast immer um die Liebe - in Freud und Leid. Sie tragen Titel wie „Ach schönste Zier“ oder „Mutter, wie soll ich ihm tun?“.

Bei der Erarbeitung fiel Faulhammer auf, dass sich Valentin Haußmann auch von anderen Komponisten inspirieren ließ oder gar klaute. Im Vorwort räume dieser aber auch ein, dass er sich auch anderswo bedient habe.

Ob der in Eisleben (Sachsen-Anhalt) geborene Komponist je in Kassel war, ist nicht klar. Er hatte aber eines seiner Exemplare dem musikbegeisterten Landgrafen Moritz gewidmet. Insofern ist ein Besuch nicht unwahrscheinlich.

Der Kammerchor der Kreuzkirche präsentiert unter Leitung von Jochen Faulhammer Magdrigalmusik von Valentin Haußmann am Dienstag, 24. November, 19 Uhr, in der Elisabethkirche.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.