Prozess in Kassel

Frühere Sturm-18-Frauen: Bernd T. soll sie zu Taten aufgefordert haben

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Bereuen ihre Tat: Drei Frauen, frühere Mitglieder der Kameradschaft „Sturm 18 Cassel“, haben im vergangenen Sommer eine 16-Jährige geschlagen und gedemütigt. Angeblich handelten sie im Auftrag des Neonazis Bernd T.  

Kassel. Sind die drei Frauen von Neonazi Bernd T., Gründer und Chef der rechtsradikalen Kameradschaft „Sturm 18 Cassel“, einfach nur angestiftet worden oder sind sie in erster Linie selbstverantwortlich für ihr Handeln?

Diese Frage muss seit Montag vor dem Kasseler Amtsgericht beantwortet werden. Drei Frauen, ehemalige Mitglieder der Kameradschaft, müssen sich wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung beziehungsweise Beihilfe sowie Nötigung verantworten.

Zwei von ihnen, der 21-jährigen Ex-Freundin von T. und einer 36-Jährigen, wird vorgeworfen, am 9. Juli vergangenen Jahres eine 16-jährige Jugendliche so lange in der Wohnung eines Freundes abwechselnd geschlagen zu haben, bis diese blutete und bewusstlos wurde. Die 21-Jährige soll anschließend dem jungen Mädchen eine Hundeleine um den Hals gelegt und sie auf allen Vieren in den Garten geführt haben. Eine damals 17-Jährige filmte mit ihrem Handy diese Erniedrigung.

Alle drei Frauen räumten vor Gericht die Vorwürfe ein und gaben zudem an, im Auftrag von Bernd T. gehandelt zu haben. Hintergrund der Tat: Das 16-jährige spätere Opfer hatte behauptet, von dem Neonazi vergewaltigt worden zu sein. Seine damalige Freundin, die von T. schwanger war, wollte an dem besagten Abend wissen, ob an diesen Anschuldigungen etwas dran sei. T. bestritt die Vergewaltigung.

Die 16-Jährige hielt aber an ihrer Behauptung fest. Deshalb ließ T. offenbar auch die 36-jährige Sturm-18-Kameradin noch gegen Mitternacht in der Wohnung antanzen. Zunächst mit der Aufforderung, sie solle die junge Frau „entsorgen“. In der Wohnung habe er dann von seiner damaligen Freundin und der 36-Jährigen verlangt, die 16-Jährige nach jedem wiederholten Vergewaltigungsvorwurf ins Gesicht zu schlagen. Erst mit der flachen Hand, dann mit der Faust. Sie habe mindestens zehn Mal zugeschlagen, räumte die 21-Jährige ein.

Nachdem die 16-Jährige wieder zu sich gekommen sei, musste sie sich vor Bernd T. auf den Boden in der Küche setzen, sagte seine Ex-Freundin aus. „Wer sich wie ein Hund benimmt, muss wie ein Hund behandelt werden, hat Bernd gesagt.“ Die 21-Jährige holte daraufhin eine Hundeleine und führte die 16-Jährige im Garten „Gassi“. Die 17-jährige Mitangeklagte, die diese Erniedrigung gefilmt hatte, hielt sich die Augen zu, als diese Sequenzen im Gerichtssaal gezeigt wurden. „Es tut mir leid, was ich ihr mit dem Video angetan habe.“

Machtposition ausgenutzt

„Das ist schon richtig übel, einen Menschen als Hund zu behandeln“, sagte Oberstaatsanwältin Andrea Boesken in ihrem Plädoyer. Zwar habe T. seine Machtposition ausgenutzt, um die Frauen zu den Taten zu animieren. Andererseits sei keine der Frauen gezwungen worden, bei „Sturm 18“ mitzumachen. Für die beiden älteren Angeklagten beantragte sie Bewährungsstrafen von acht beziehungsweise 15 Monaten und jeweils 150 Stunden gemeinnützige Arbeit, für die jüngste Angeklagte 80 Stunden sowie die Teilnahme an einem Kompetenztraining. Das Urteil wird am Mittwoch verkündet.

Hintergrund

Bernd T. bereits verurteilt

Ende Januar ist der 40-jährige Neonazi Bernd T. , Gründer der rechtsradikalen Kameradschaft Sturm 18 Cassel, vor dem Kasseler Landgericht bereits wegen Körperverletzung sowie gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit Nötigung zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt worden. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass T., der ein Geständnis abgelegt hatte, seine schwangere Freundin im Sommer 2014 unter anderem dreimal in den Bauch getreten hatte. Ursprünglich war deshalb auch ein versuchter Schwangerschaftsabbruch angeklagt worden. Dieser Tatbestand sei aber nicht erfüllt. Bernd T. habe offenbar nicht realisiert, dass seine Freundin schwanger war, als er zugetreten hatte. Der Sohn wurde vor zwei Wochen geboren, wie die angeklagte Mutter am Montag vor Gericht erklärte. Über das Kind habe sie noch Kontakt zu Bernd T.

Der Neonazi war im Januar zudem verurteilt worden, weil er am 9. Juli 2014 seine damalige schwangere Freundin und eine weitere Frau (die 36-jährige Angeklagte) dazu animierte, die 16-Jährige bis zur Ohnmacht zu schlagen und mit „Hundespielen“ zu demütigen. Die 16-Jährige hatte mehrfach behauptet, von T. vergewaltigt worden zu sein. Das Urteil gegen T. ist noch nicht rechtskräftig, er befindet sich noch auf freiem Fuß.

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