Ex-Fotograf und Fachhändlerin

Gefängnisstrafe für Betrug: Klinikum Kassel um 575.000 Euro geprellt

Kassel. Es wurde nichts mit milden Strafen für einen 66-Jährigen aus dem Kreis Kassel und die 49-jährige Chefin eines pleitegegangenen Fotohandels aus dem Landkreis Northeim.

Der Angeklagte muss dreieinhalb Jahre hinter Gitter, seine Komplizin zwei Jahre und sechs Monate.

Beide befand die 5. Strafkammer des Landgerichtes gestern für schuldig, die Gesundheit Nordhessen Holding (GNH) mit fingierten Rechnungen für Fotomaterialien für das Klinikum Kassel um 575 000 Euro betrogen zu haben. Sie seien daher des gemeinschaftlichen gewerbsmäßigen Betrugs schuldig, befand Vorsitzender Richter Stanoschek in seiner Urteilsbegründung.

Der Verteidiger des 66-Jährigen hatte für seinen Mandanten maximal drei Jahre Haft gefordert, der Anwalt der Frau hatte auf zwei Jahre zur Bewährung plädiert. Beide seien geständig, nicht vorbestraft, hätten aktiv an der Aufklärung mitgewirkt und seien heute wirtschaftlich und sozial ruiniert, mithin auch ohne Gefängnis schon schwer gestraft.

Richter Stanoschek ließ das nur bedingt gelten. In 103 Fällen hatten die beiden Rechnungen manipuliert, die Frau hatte alle Fälle sorgsam in einem „Schwarzbuch“ notiert, in dem Schein und Wirklichkeit nachzulesen waren.

So wurden beispielsweise zwischen 2009 und 2014 riesige Mengen Fotopapier bestellt, ihr Empfang vom Angeklagten quittiert, die Rechnungen von der GNH beglichen. Tatsächlich geliefert aber wurden 173 Canon Xus Kameras, 114 Nikon und 15 Canon Spiegelreflexkameras, 22 Kompaktkameras, 240 Objektive, 40 Kameragehäuse und 156 Blitzgeräte, die der seit 1979 als Fotograf am Klinikum beschäftigte Angeklagte in seinem privaten Fotohandel weiterverkaufte - oft weit unter Wert.

Vermutlich, so der Richter, hätten die Betrügereien sogar schon deutlich vor 2009 begonnen. Diese Taten seien aber verjährt und deshalb nicht angeklagt worden.

Mit den erlösten etwa 280.000 Euro habe der Angeklagte seinen aufwendigen Lebensstil mit teuren Autos finanziert, war aber trotzdem in die Privatinsolvenz gerutscht. Die Frau habe das von den Eltern übernommene Geschäft erhalten wollen. Die beiden Verteidiger hatten auf das mangelhafte oder fehlende Controlling bei der GNH verwiesen, die die völlig unplausiblen Materialbestellungen jahrelang nicht bemerkt habe und den Angeklagten den Betrug so leicht gemacht habe.

Für die Kammer war das aber kein wesentlicher Punkt bei der Strafzumessung. Sicherlich, so Stanoschek, hätte die Kontrolle besser sein müssen. Andererseits dürfe und müsse ein Arbeitgeber aber auch seinem jahrzehntelangen Mitarbeiter vertrauen und auf dessen sorgfältige und sachkundige Arbeit bauen dürfen.

In bewegenden Worten hatte der Angeklagte vor dem Urteil um Milde und seine früheren Kollegen um Verzeihung gebeten. „Die drohende Freiheitsstrafe macht mir Angst und nimmt mir den Lebensmut“, sagte er. Doch angesichts der Dauer und des angerichteten Schadens drang er damit bei der Kammer nicht durch. „Irgendwann ist Schluss“, sagte Richter Stanoschek.

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