Mit nordhessischem Dialekt

Gehörlose Kasselerin gibt seit 30 Jahren Kurse für Gebärdensprache

So sieht die Gebärde für Bär aus.

Kassel. Gehörlose sind direkte Menschen. „Die Begrüßung: Oh, du hast aber zugenommen“ sei nichts Ungewöhnliches und auch nicht beleidigend gemeint.

Es sei für Gehörlose schlicht zu umständlich, lange um den heißen Brei herumzureden. Wenn die Kasselerin Dagmar Ruppert über ihr Leben mit der Gehörlosigkeit gebärdet, wird schnell klar: Die Welten der Hörenden und der Gehörlosen unterscheiden sich nicht nur im Hörsinn. Die 1948 geborene Frau hat ihr Leben damit verbracht, beide Welten in Kontakt zu bringen. Seit 30 Jahren gibt sie Gebärdensprachkurse.

Ruppert ist seit ihrem ersten Lebensjahr taub und damit eine von etwa 250 Gehörlosen in der Stadt. Eine Mittelohrentzündung sorgte dafür, dass ihre Hörleistung null Prozent beträgt. Dafür sind ihre anderen Sinne – wie bei allen Gehörlosen – stärker ausgeprägt. Die Straßenbahnen auf der Königsstraße etwa, die viele Kasseler für eine Gefahr für Fußgänger halten, machen ihr keine Sorgen. Sie hat gelernt, nur ihren Augen zu vertrauen.

Ihr scharfer Blick hilft Ruppert aber nicht überall. So ärgert sie sich, dass etwa bei Behördengängen die Unterstützung für Gehörlose schlecht sei. Weil es wegen des medizinischen Fortschritts immer weniger Gehörlose gebe, sinke auch die Zahl derjenigen, die die Gebärdensprache beherrschen oder gar dolmetschen können. Für 250 Gehörlose stünde in Kassel ein Dutzend Gebärdendolmetscher bereit. In den USA würden etwa Polizisten in der Gebärdensprache ausgebildet – in Deutschland gebe es so etwas nicht.

Ruppert, die mit ihrem gehörlosen Mann einen hörenden Sohn hat, tut aber seit drei Jahrzehnten alles dafür, dass die Gebärdensprache in der Gesellschaft verbreitet wird. Damals begann sie an der Volkshochschule Kurse zu geben, seit 15 Jahren gibt sie diese auch an der Uni Kassel.

Eine Erleichterung seien neue Kommunikationskanäle wie SMS und Whatsapp. Bevor es Handys gab, sei es kaum möglich gewesen, einen Notruf abzusenden. Auf die Frage, wie Gehörlose damals die Polizei rufen konnten, kontert Ruppert mit einem Witz, den auch Menschen verstehen, die keine Gebärden können. Sie formt mit ihren Fingern eine Pistole und hält sie sich an den Kopf: Du wurdest erschossen.

Weil es nach wie vor Hemmungen zwischen Hörenden und Gehörlosen gebe, seien viele Gehörlose vor allem mit ihresgleichen in Kontakt. Anlaufpunkt ist das Kasseler Gehörlosenzentrum.

In der Gemeinschaft der Gehörlosen gibt es für jede Person eine typische Gebärde. „Dagmar“ wird wegen ihrer Haare mit dem Wort „Locke“ gebärdet. Eine Art Spitzname. So gibt es unter den Gehörlosen den Clown, den Pferdeschwanz, die Brille, das Klavier – je nach dessen Hobbys oder Merkmalen. Die Gebärden für die Begriffe sind einfacher, als den Namen mit dem Fingeralphabet zu buchstabieren. Zudem gibt es wie in der Welt der Hörenden eine Art Dialekt, ortstypische Gebärden.

Kurse und Stammtisch

• Die nächsten Gebärdensprachkurse von Dagmar Ruppert beginnen im September an der Volkshochschule Region Kassel.

• An jedem ersten Montag im Monat findet der Gebärdenstammtisch im Restaurant „Solino“ an der Wilhelmshöher Allee 91 statt. Eingeladen sind alle, die sich in der Gebärdensprache austauschen wollen.

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