Bewährungsstrafen für drei Männer

83.000 Euro Schaden beim Reifen-Klau: Knapp am Knast vorbei

Kassel. Sie demontierten hochwertige Kompletträder, beschädigten dabei teure Fahrzeuge - und landeten dafür jetzt fast im Gefängnis.

Das war knapp: Weil sie geständig waren, Reue zeigten, schon sieben Monate Untersuchungshaft in Wehlheiden abgesessen und letztlich eine gute Sozialprognose bekamen, wurden zwei 22 und 26 Jahre alte Reifendiebe aus Kassel gestern vom Landgericht zu Bewährungsstrafen von zwei Jahren beziehungsweise einem Jahr und sieben Monaten verurteilt.

Auch der dritte Angeklagte, ein 28-jähriger Kasseler, kam trotz einer Vorstrafe wegen Raubes mit acht Monaten Haft zur Bewährung davon.

„Ein paar Straftaten mehr und Bewährung wäre nicht mehr möglich gewesen“, setzte Richter Stanoschek ein letztes Warnsignal an die jungen Männer. Die hatten in letztlich 13 ausgeurteilten Fällen in Autohäusern unter anderem in Kassel, Wolfhagen und Fritzlar bei nächtlichen Diebestouren komplette Reifensätze auf hochwertigen Alufelgen von teuren Audi-Fahrzeugen abmontiert. Auch die Sixx-Autovermietung und der VW-Mitarbeiter-Parkplatz in Baunatal wurden von den Dieben in wechselnden Besetzungen heimgesucht.

Den dabei angerichteten Stehlschaden und die Beschädigungen an den oft nur notdürftig aufgebockten Edelkarossen addierte der Richter auf 83 000 Euro.

Zwischengelagert wurden die Räder in einer eigens dafür vom 22-jährigen Haupttäter angemieteten Garage an der Fuldatalstraße. Verkauft wurden sie über das Internet-Auktionshaus Ebay oder an einen Hehler in Paderborn, gegen den gesondert verhandelt wird.

Keimzelle der Diebstähle war eine salafistische Moschee in der Kasseler Unterneustadt, wo alle drei Angeklagten verkehrten. Dort, so Richter Stanoschek, habe man wohl schon früher das „einträgliche Geschäftsmodell“ des Reifenklaus geplant und praktiziert. Weil sich alle drei Angeklagten in prekären finanziellen Situationen befanden, taten sie das dann auch.

Für den 22-jährigen Haupttäter hatte Staatsanwältin Richter eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten gefordert. Dass er dann doch mit Bewährung davonkam, quittierte der Student mit einem erleichterten Lächeln zu seiner weinenden Mutter und dem Vater, die zur moralischen Rückenstärkung im Publikum saßen.

Vom Salafismus habe er sich wieder gelöst, er wolle jetzt sein Studium fortsetzen und nie wieder zurück ins Gefängnis. Die sieben Monate ohne Freiheit und in Gesellschaft von Schwerkriminellen seien lehrreich gewesen, sagte er und bat Eltern und Geschädigte um Entschuldigung.

Aus Angst vor Salafisten hatte er keine weiteren Mittäter benannt. Bei der Urteilsverkündung saßen vollbärtige junge Männer im Zuschauerraum, von denen einer sogar nur nach Aufforderung zur Urteilsverkündung aufstand. „Da können einige von Ihnen ruhig grinsen“, rief Stanoschek sie zur Ordnung.

Rubriklistenbild: © dpa

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